Author: sarahschill

RAVI (Auszug aus dem Theaterstück “29”)

Ravi ist 8 Jahre alt, er arbeitet seit zwei Jahren auf einer Baumwollplantage. Die Arbeit ist hart, der Lohn niedrig, doch es ist Geld und die Familie braucht das Geld.

Vish, der Chef auf der Plantage ist böse, denn er lässt Ravi dort arbeiten!

Lali, Ravis Mutter hat Vish angefleht, dass er Ravi Arbeit gibt. Sie sich vor ihn gekniet und seine Füße berührt. Deshalb hat er Ravi genommen, obwohl sechs Jahre schon sehr jung waren und die Arbeit hart.

Lali ist böse, denn sie schickt ihren kleinen Sohn zum Arbeiten.

Lali hat sechs Kinder geboren, sie war immer arm, doch nie so, denn Ravis Vater Mohd ist krank. Mohds Lunge ist durch die Arbeit in der Färberei löchrig, das Haus aus Wellblech ist feucht, immerhin haben sie ein Dach. Deshalb hat Lali ihren Ravi, der stark ist, zum Arbeiten geschickt und sie weint jeden Morgen, wenn er losgeht, hinter ihrem Sari, damit es keiner sieht. Das Geld das Ravi bringt, hilft der Familie zu leben.

Also ist der Mann böse, der Ravis Vater in der Färberei arbeiten ließ, in den giftigen Dämpfen ohne Schutzkleidung.

Der Mann heißt Jamal und er hat gekämpft, um dort anzukommen, wo er heute ist. Jamals Eltern starben früh, an Tuberkulose, er lag auf einem Pappkarton am Straßenrand, bis er von einer Familie aufgenommen wurde, die kaum selbst genug zu essen hatte. Jamal war fleißig, er hat gelernt – vor allem zu kämpfen, um zu überleben. Weil er klein war, wurde er von anderen Jungs geschlagen, oft. Jamal hat sich durchgebissen. Erst hat auch er mit giftiger Farbe gearbeitet, dann wurde er befördert, weil er härter arbeitete und länger blieb als die anderen. Jamal hat eine Frau und drei Kinder, die es einmal besser haben sollen.

Nun wissen wir es: Der Vorarbeiter, der Jamal angestellt hat, der ist böse.

Der Vorarbeiter kennt Jamal als guten Arbeiter. Eigentlich gehört Jamal einer niedrigeren Kaste an, doch der Vorarbeiter hat ihm eine Chance gegeben. Er wollte etwas Gutes tun, auch wenn hundert andere für den Job Schlange standen.

Der Besitzer der Fabrik, der mit Menschen wie Jamal und Mohd Geld verdient, der ist böse.

Der Besitzer Sanjay wurde auserwählt, mit seiner kleinen Firma großes Geld zu verdienen, von einem Mann aus dem Westen. Der Mann aus dem Westen hat ihn gefragt: Kannst du es für weniger machen? Sanjay nickte, weil er den Auftrag brauchte, um den Angestellten Gehalt zu zahlen, um seine Kinder auf gute Schulen zu schicken, um sich einen Wagen zu kaufen, von dem er als Junge geträumt hat. Einen Wagen, wie ihn die Männer im Westen fahren und mit dem er die junge Frau, die ihn liebt, was keiner wissen darf, schon gar nicht die traurige Frau, die seine Eltern für ihn ausgesucht haben, zu einem Ausflug fahren kann.

Der Mann aus dem Westen heißt Carsten. Carsten mit dem Geldkoffer ist böse.

Carsten hat den Auftrag, das Geschäft auszulagern von seinem Chef bekommen, der ihn von seinem Chef bekommen, der ihn von seinem Chef bekommen hat.

Weil die Chefs Geld verdienen wollen und ihre Arbeit Möglichkeiten bot. Weil sie Träume hatten und Indien so weit weg ist. Weil ihnen zugesichert wurde, dass es schon okay ist, weil Ravi nickt und sagt es geht ihm gut, weil Mohd nickt und sagt es geht ihm gut und Jamal nickt und allen geht es gut.

Die Chefs hätten hinschauen müssen, sie sind böse.

Welcher Chef genau? Oder alle zusammen? Wer ist mehr böse? Und wenn sie schauen würden? Dann müssten sie sagen: So geht das nicht. Und verlangen, dass Ravi nicht auf dem Feld arbeitet und kein Geld verdient und seine Familie nicht unterstützen kann und Mohd damals keine giftige Arbeit bekommen hätte oder Schutzkleidung. Doch Schutzkleidung hätte Jamal nicht fordern können von Sanjay, denn da warteten hundert andere, die seinen Job gemacht hätten ohne Schutzkleidung.

Die Chefs hätten von Sanjay die Schutzkleidung fordern müssen. Sanjay hätte den Chefs gesagt: Dann werden die Stoffe teurer. Und die Chefs hätten in die Läden gehen und die T-Shirts teurer machen müssen und die Menschen wären in die anderen Läden gegangen, in denen sie nicht für Schutzkleidung am anderen Ende der Welt zahlen müssten. Und die Chefs hätten Verluste gemacht und am Ende Sanjays Fabrik schließen müssen und was wäre gewesen mit den Menschen in Indien?

Also sind die Menschen böse, die billige Sachen kaufen ohne nachzudenken, Helga zum Beispiel, die gerade ein rotes Kleid anprobiert, dessen Baumwolle Ravi gepflückt hat, dessen Farbe Mohd und seinen Kollegen die Lungenflügel durchlöchert hat.

Helga ist böse.

Helga hat heute Abend ein Date. Helga hatte lange kein Date mehr, seit sie verlassen wurde und alleine ist mit den Kindern und nicht weiß, wie sie das alles stemmen soll, besonders nicht den Alkohol, der ihr Trost spendet, aber natürlich ein Problem ist. Helga will schön aussehen, weil ein Date, das könnte bedeuten, dass Helga eine neue Chance bekommt auf ein anderes Leben. Helga hat kein Geld für ein Kleid, das Konto ist überzogen, der Jüngste braucht Fußballschuhe. Helga weiß, dass nebenan ein anderes rotes Kleid hängt, an dem ein Zettel baumelt mit Fair Trade Zeichen. Helgas weiß, dass es besser wäre, dieses Kleid zu kaufen, aber wenn sie das günstigere rote Kleid nimmt, kann sie ein hübsches Höschen dazulegen, dann könnte sie dem Mann gefallen.

Hah, sagt ihr, Helga vielleicht, aber was ist mit Tom und Lena und Anna, die gerade shoppen gehen, ohne Probleme und trotzdem nicht nebenan?

Sind Tom und Lena und Anna nicht böse?

Sie sammeln zwar Spenden und geben Geld auf der Straße, aber dann ignorieren sie das Fair Trade Schild. Dabei hat Anna schon zwei rote Kleider und Lena drei sogar.

Tom und Lena und Anna wollen gut aussehen. Sie wollen zeigen, dass sie jung sind und schön und weil jeder in ihrer Klasse jeden Tag neue Klamotten trägt und alle peinlich und Scheiße sind, die das nicht tun, machen sie mit. Sie trauen sich nicht, zu sagen: Ich brauche nicht so viel, weil sie dazu gehören wollen.

Was wissen Tom und Lena und Anna von Ravi, der so weit weg ist. Wenn sie eine Dokumentation im Fernsehen sehen, macht es sie traurig und sie schalten ab, oder unterschreiben eine Petition.

Aber wenn sie das teurere Kleid kaufen, wird dann der Kreislauf zurückdrehen, so dass Ravi in die Schule gehen kann? Oder ist doch irgendwo einer, der böse ist und der Schuld ist und deswegen bringt es nichts, mehr Geld auszugeben, weil das nur in der Tasche des Bösen verschwindet und Ravi bleibt wo er ist?

Das weiß keiner. Und weil es keiner weiß, macht Handeln wenig Sinn. Und deshalb bleibt alles wie es ist, das Böse ist schuld. Und alle haben verloren, irgendwie, nur Ravi, der ein bisschen mehr.

EIN LETZTER TANZ AUF DEM VULKAN

Sie feiern den Sommer,

Wie ein Finale.

Treiben in zentimeterhohem Wasser

Vor einer Kulisse aus gelbem Gras.

Hitzerekorde, ultimativ

Und wir live dabei!

Der Sommer schmeckt

Nach verbrannten Beeren.

Unter Steinen dösen Eidechsen,

Sie spielen Griechenland.

Am Peloponnes verbringen wir

Bald den Frühling,

Oder fahren nach Norden.

Wir können es ja.

ÜBER KREATIVITÄT UND KUNST

Kreativität ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger, als die Grundlage unseres Seins. Das Leben an sich ist ein kreativer Akt, von der Sekunde unserer Entstehung an. Leider haben viele von uns das vergessen. Wir sehen uns selbst nicht als Kreierende und sprechen von künstlerisch tätigen Menschen voll Ehrfurcht und Bewunderung. Er oder sie sei ja so kreativ, sagen wir. Und vergessen dabei unsere eigene Quelle. Denn wir kreieren. Jeder von uns. Jeden Tag.

Eine Kreation ist am Ende eine verwirklichte Vision. Die Malerin hat ein Bild in ihrem Kopf oder Herzen, und überträgt dieses auf die Leinwand, wie der Musiker seine Noten aufs Papier. Ein Koch, eine Köchin ersinnt ein Rezept und kreiert daraus ein Gericht. Ob gut oder eher weniger gelungen, ist nicht die Frage. Kreation ist nicht gleich Perfektion! Ein entscheidender Unterschied.

Kreation wiederum in Verbindung mit Können, wird erst Kunst genannt. Wir erinnern uns an Karl Valentins Ausspruch, Kunst komme nicht von Wollen, sondern von Können, sonst hieße sie ja „Wunst“. Andererseits – wer bestimmt, was Kunst ist? Ist das Bild des Kindes keine Kunst, nur weil der Vorgang weniger bewusst abgelaufen ist? Weil es sich vielmehr hat leiten lassen, als seine Fähigkeiten darauf zu verwenden, das Bild aus seinem Kopf möglichst originalgetreu nachzuformen.

Es gibt die Geschichte, dass Pablo Picasso beim Besuch einer Kinderaustellung sagte: „Als ich so alt war wie diese Kinder, da konnte ich zeichnen wie Raffael. Es hat viele Jahre gedauert, bis ich zeichnen konnte wie diese Kinder.“ Malen wie die Kinder, ein kreativer Prozess nicht geleitet vom Denken oder vorsätzlichen Einsetzen erlernter Fertigkeiten, sondern als reines Mitschwingen. Der inneren Stimme lauschen, diese feinen Hinweise fließen lassen – und neugierig beobachten, was daraus entsteht.

Kunst, die einem solchen Ort entspringt, betiteln wir gerne als „naiv“. Als wären Intellekt und Ausbildung, das intensive Analysieren und Verstehens des Vorgangs der einzige Maßstab für den Wert des Kunstwerkes. Wie wäre es, das tiefe Fühlen als wichtigste Maxime des künstlerischen Schaffensprozesses zu setzen? Eine absurde Vorstellung in unserer Welt. Wer zahlt schon für bloßes Gefühl? Man muss sich die Fähigkeiten hart erarbeitet haben, sonst fehlt ihnen der Wert. Ist das tatsächlich, worin sich Kreativität und Kunst unterscheiden? Jede*r ist kreativ. Aber nicht jede*r ist automatisch auch Künstler*in, richtig? Oder gibt es andere, möglicherweise interessantere Unterscheidungsmerkmale?

Kreation steckt in jeder Zelle. Wir sind Erschaffer*innen, Schöpfer*innen, Gestaltende. Jede neue Entscheidung, jede Veränderung, jedes Tun ist im Grunde kreativ, es sei denn, es bleibt bloße Repetition. Das Wiederholen des Immergleichen lässt uns in einer unendlichen Mühle aus bereits Vorhandenem festhängen, weshalb es Sinn macht, sich mit einem Umfeld zu umgeben, das uns herausfordert, immer wieder neu und anders zu denken und zu handeln.

Ein Problem ist, dass wir uns dieses beständigen Kreationsprozesses nur selten bewusst sind, weshalb wir munter Dinge und Ereignisse kreieren, die wir gar nicht wollen, indem wir beispielsweise einer Vision folgen, die von Angst geleitet ist, von Blockaden, Zorn oder Schlimmerem. Dadurch kreieren wir – alte Manifestationsregel – mehr davon.

In der bewusst gestalteten Kunst wiederum finden diese Emotionen ihren Platz, denn dort hat der Vorgang des Betrachtens, des Sezierens und Transformierens stattgefunden, und der Angst wird beispielsweise ein Gedanke über die Angst zur Seite gestellt. Die Vision ist hier nicht länger die Furcht selbst – oder deren Vermeidung (was uns wiederum mit dem Fokus bei ihr belässt) sondern ein Reflektieren dieser Emotion, das sodann in ein Werk übersetzt wird.

Hier liegt ein entscheidender Unterschied von Kunst und Kreation: Wir kreieren immerzu. In der Kunst kreieren wir bewusst, wodurch etwas entsteht, das jenseits des ursprünglichen Gedankens oder Gefühls einen Wert hat und in eine Form gegossen wurde. (Wobei selbstverständlich Vorsicht angebracht ist – Kunst, die einem zerstörerischen Gefühl entspringt und der nicht ein weiter Blick, sowie ein grundsätzlich offenes Herz zur Seite steht, kann die Negativität noch verstärken, indem sie diese in besagter Form zementiert.) Kunst ist ein Spiegel unserer Seele, so heißt es. Wir zeigen uns und werden sichtbar. Dabei gestalten wir das Kunstwerk unserer Vision folgend.

Von der Kunst lernen, jenseits aller Unterschiede, könnte also bedeuten, diesen Schaffensprozess auch auf unser restliches Leben anzuwenden: Bewusst zu kreieren, was wir erschaffen wollen.

Erst kommt der Traum – dann die Gestalt.

Kreation ist Leben. Lebendig sein heißt kreieren.

Lasst uns also ein Leben erschaffen, das wir uns erträumen.

Und am Ende – wer weiß – ist dieses Leben wohlmöglich auch: Ein Kunstwerk.

 

 

 

 

ATHEN ANFANG AUGUST (Recherchereise)

 

„Hilft gegen den Stress!“ Ioánnis gießt mein Glas randvoll mit Ouzo. Das Dritte vielleicht. Es ist der Abend vor meinem Abflug nach Athen, den ich mehr zufällig beim Griechen am Eck verbringe. Alles wie gehabt: Essen lecker, Retsina scheußlich, Wirt freundlich. Warum es nicht bei dieser Begegnung belassen? Weshalb selbst in das gebeutelte Land reisen und versuchen zu verstehen, was Journalist*innen, Wirtschaftsweise und Politikwissenschaftler*innen gleichermaßen vergeblich aufzuschlüsseln suchen? Was habe ich mit Griechenland zu tun – und was mit der Krise?

Zunächst einmal: Ich liebe dieses Land, liebte es schon in meiner Kindheit, als mein griechischer Onkel uns auf der kleinen Insel mit zum Angeln nahm. Ich liebe die archaische Sprache, die Geschichten von allzu menschlichen Göttern und Göttinnen, die Ideen der antiken Denker. Diese Vorlieben und Zuneigungen teile ich mit vielen Menschen. Reicht das aus? Dem Land meiner Kindheitssommer einen Besuch abstatten und herausfinden, ob die Sonne noch sticht und die alten Männer, ärmer jetzt, nach wie vor parlierend auf ihren Bänken sitzen. Krisentourismus also?

Das trifft es nicht ganz.

So abgedroschen es klingt: Gerade als Deutsche fühle ich mich in der Verantwortung, selbst wenn es nicht unsere Politiker*innen alleine waren, die über die Auflagen entschieden haben. Das ist ja an sich nicht sehr Neu. Als Jugendliche entschuldigte ich mich auf Reisen permanent für das Land, aus dem ich komme. Irgendwann fand eine Aussöhnung statt, ich konnte die Schönheit der Landschaft und sogar die Geschichte und den Umgang damit schätzen, ein vorsichtiges Pflänzchen des „ist vielleicht doch ganz ok, dieses mein Heimatland“. Heute – besonders seit der Entscheidung über das 3. Reformpaket – fühlen viele Deutsche sich wieder in der Pflicht, sich lautstark von ihren Volksvertreter*innen zu distanzieren und in einigen Ländern flammt Anti-Deutsche Propaganda auf. Muss ich mich in diesem meinem Griechenland fortan als Schwedin ausgeben, wie Freunde mir rieten? „Die denken doch, wir sind alle Nazis!“

Ich möchte mehr erfahren, als die oft kontroversen und je nach Ausrichtung deutlich tendenziösen Medienberichte mir mitzuteilen vermochten. Über Wochen gab es nur ein Thema, inzwischen ist Ruhe eingekehrt. War die Aufregung umsonst? Geht es dem griechischen Volk jetzt gut? Und wenn schon nicht dem Volk, dann zumindest der Wirtschaft?

Spontan habe ich einen Flug nach Athen gebucht und über die üblichen Netzwerke ein paar Kontakte gesammelt, die mir den Einstieg erleichtern sollen.

Mit ouzoschwerem Kopf lande ich in Thessaloniki, wo ich zwei Stunden Aufenthalt habe, bevor es nach Athen weitergeht. Vor dem Eingang des Flughafens begrüßen mich bunte „Post it“-Zettel unter der Überschrift „Share one thought for Greece“. Jede Menge happy Griechenlandurlauber preisen Sonne, Meer und tolle Parties. Dazwischen einige „Alexis we love you!“ Botschaften und – wie nicht anders zu erwarten – „We didn’t vote for Angela Merkel. We love Greece! We love greek people“, schreiben drei Kölner Urlauber*innen über gleich vier Klebezettel. Der wiedererwachte deutsche Drang zur Rechtfertigung. Ich fühle mich gleich besser.

Beim Warten auf den Anschlussflug komme ich mit Mike ins Gespräch, der eigentlich Michalis* heißt und mich sogleich vor den vielen Syrern, Afghanen und anderen „Ausländern“ warnt, die in dem Viertel in dem ich wohnen werde, „herumlungern“. „No good people, gipsies you know.“ Mike wohnt im Reichen-Viertel Kolonaki, seine Kleidung ist teuer, gerade überlegt er, ein Haus auf einer Kykladen-Insel zu kaufen. Die Krise, meint er, sei so schlimm nun auch wieder nicht.

In Zeiten wie diesen sehnen sich die Menschen nach scheinbar einfachen Lösungen.

In Athen ist zunächst tatsächlich wenig davon zu spüren, außer vielleicht eine träge Erschöpfung, die allerdings auch den über 40 Grad geschuldet sein mag. Die „Oxi“-Plakate des Referendums sind abgeblättert, die Cafés zumindest am Abend gut besucht. In einem davon treffe ich mich mit Lambros, einem Sounddesigner, der in Deutschland, Frankreich und Griechenland arbeitet. Auf die Frage nach der von Mike erwähnten Gefahr durch kriminelle Ausländerbanden meint er: „Wirklich schlimm ist der Rechtsruck, der gerade stattfindet.“ Die faschistische Partei Chrysi Avgi, zu deutsch „goldene Morgendämmerung“, erzielte bei den diesjährigen Parlamentswahlen 6,28% der Stimmen. „Die gewinnen durch ihre pseudo-systemkritischen Parolen immer mehr Anhänger.“ Ein altes und mitnichten nur griechisches Problem. In Zeiten wie diesen sehnen sich die Menschen nach scheinbar einfachen Lösungen.

Lambros selbst hat Glück. Bei Jobs im Ausland verdient man besser – und das Geld wird tatsächlich ausgezahlt, im Gegensatz zu hiesigen Produktionen. Die Krise aber ist dennoch omnipräsent. „Es fängt bei Kleinigkeiten an, wie der Tatsache, dass die amerikanische Firma das Geld für meine Website nicht mehr einziehen kann – die ist jetzt lahmgelegt. Das ist beruflich problematisch, aber im Gegensatz zu anderen geht es mir gut.“ Beispielsweise im Gegensatz zu einem ehemaligen Klassenkameraden, der Müll sammelt, um sein Studium zu finanzieren. Oder zu den vielen oft sauber gekleideten Menschen, die dieser Tage in Restaurantabfällen wühlen. Wenn er ihnen eine Tüte mit Lebensmitteln bringt, senken sie den Kopf und lehnen dankend ab. „Der Hund hatte Hunger.“ „Die schämen sich natürlich. Bis vor kurzem hatten sie ein Haus und einen Job.“ Er gibt ihnen das Essen dann trotzdem. „Für den Hund.“

Lambros ist sicher, dass hinter der momentanen Lage seines Landes ein Plan der großen Euroländer steckt, allen voran Deutschlands. „Sie wollten die Regierung mit ihrer Erpressung loswerden. Als das nicht geklappt hat, haben sie Tsipras so lange in die Ecke gedrängt, bis er den Deal unterschrieben hat.“ Dennoch hätte die Krise auch ihr Gutes. „Die Masken sind gefallen. Durch die neue Regierung zeigen sich die Machthaber Europas, wie sie wirklich sind.“

Was dahinter steckt ist für ihn klar. „So treibst du einen Staat in die totale Handlungsunfähigkeit. Du verkleinerst das Militär, damit das Land sich nicht mehr verteidigen kann. Du baust das Gesundheitssystem ab und privatisierst es, so dass sich der normale Bürger medizinische Versorgung nicht mehr leisten kann. Und schließlich zerstörst du das Bildungs-System und erschaffst private Organisationen, damit der Unterricht der Oberschicht vorbehalten bleibt. Eine größere Arbeiterklasse sorgt für billige Arbeitskräfte. Die ausländischen Unternehmer*innen profitieren dann von den niedrigen Lohnkosten.“ Und die Hilfszahlungen? „Es ging nie um die Rettung Griechenlands, sondern um die der Banken. 77% des Geldes aus den ersten beiden Reformpaketen ist direkt oder indirekt in den Finanzsektor geflossen.“ Ich habe diese und ähnliche Theorien bereits an anderen Stellen gehört, bin jedoch bei allem Misstrauen, was die Macht von Banken und undurchsichtige Wirtschaftsinteressen betrifft, unzureichend belegten Verschwörungstheorien gegenüber zumindest vorsichtig. Die Krise einzig als hinterhältigen, lange gefassten Plan von fiesen Finanzhaien und machthungrigen Euroländern zu betrachten, erscheint mir ein wenig eindimensional.

Die hätten uns angebettelt.

Ich äußere meine Zweifel. Lambros lenkt ein. „Natürlich ist es nicht so einfach. Wir haben unsere Wirtschaft neben den bekannten Problemen wie Steuerhinterziehung, Vetternwirtschaft und der Verweigerung seit Jahren bekannter und dringend notwendiger Reformen rein auf Dienstleistung aufgebaut. Versicherungen, Privatlehrer, Juristen… Nach der Bankenblase der 80er fühlten wir uns so sicher, dass wir die Produktion aufgegeben haben. Jetzt sind wir dazu nicht mehr in der Lage.“ Noch dazu verließen die jungen, gut ausgebildeten Leute das Land. „Es fehlen hunderttausende Akademiker und Wissenschaftler die dazu beitragen könnten, das Land wieder aufzubauen.“

Ich frage ihn nach seiner Haltung zur Links-Regierung um Alexis Tsipras. Lambros‘ Augen leuchten. „Tsipras war nach Jahrzehnten der Machtaufteilung unter konservativen oder sozialistischen Familienparteien der Erste, von dem wir nicht wussten, wann er geboren wurde. Das war großartig.“ Er hätte es allerdings durchziehen und es auf den Grexit ankommen lassen sollen. „Die hätten uns angebettelt.“ „Die“ bedeutetet in erster Linie Angela Merkel und der viel gehasste Finanzminister Schäuble. Doch es kam anders.

Wie war das für sie, als Tsipras keine Alternative sah, als dem Reformpaket zuzustimmen? Der Gedanke an die empfundene Demütigung macht ihn wütend. „Warum sollen wir akzeptieren, dass zum Beispiel meine Eltern bis siebenundsechzig hart gearbeitet haben und im Vergleich zu anderen Euroländern nur ein Drittel der Rente bekommen?“ Noch dazu, da es in Griechenland so gut wie keine staatliche Unterstützung gibt und Arbeitslosengeld lediglich für ein Jahr gezahlt wird. „Die Renten funktionieren wie eine Art Sozialhilfe, Rentner bringen damit in der Not ihre gesamte Familie durch.“ Natürlich müsse auch das Rentensystem reformiert werden, doch nicht zu Lasten der Rentner. „Dass die jetzt noch weniger bekommen sollen, ist eine Schweinerei.“

Und dann sagt er den Satz, der mich tatsächlich sprachlos macht. „Wenn sie gesagt hätten, wir ziehen gegen Deutschland und die anderen in den Krieg – ich hätte es gemacht.“ Dieses Wort mitten in Europa zu hören ist neu und beängstigend. Gibt es seiner Meinung nach tatsächlich so wenig zu verlieren? Lambros sieht vor sich hin. „Du siehst doch, wo wir stehen. Griechenland ist am Ende. Es hat seinen Kreis geschlossen, es wird ausverkauft.“

Fünfzig Milliarden sollen laut des neuesten Reformpakets durch Privatisierung griechischen Eigentums erwirtschaftet werden, darunter ertragreiche Flughäfen auf den Kykladen. Einnahmen, die fortan in die Taschen eines deutschen Unternehmens fließen, statt zur Gesundung des Landes eingesetzt werden zu können. „Das meiste Land wird nicht mehr den Griechen gehören“, meint Lambros. Er deutet zur Akropolis. „Die letzte unabhängige Macht ist dieses Monument, das du da siehst.“

Verbindet euch mit eurer Geschichte und fangt an, euer Land zu nutzen.

Keine Hoffnung also? Er zuckt die Schultern. Der bekannte Autor und Stückeschreiber Dimitris Dimitriadis habe es so formuliert, dass dieses Land gestorben sei. Erst wenn es den eigenen Tod akzeptiere, könne es neu geboren werden. Lambros‘ persönlicher Wunsch an die Griechen, vor allem die jüngere Generation: „Verbindet euch mit eurer Geschichte und fangt an, zu produzieren und euer Land zu nutzen. Nur so können wir wieder stark werden. Um für die Veränderungen bereit zu sein, nach denen wir fragen, müssen wir uns erst mal selbst verändern.“ Aber Hoffnung? Nein, hoffen könne man darauf nicht.

Nachdenklich sitze ich in einem Kaffee. Der Wirt erkennt mich als Deutsche, natürlich. Er war ein Geschäftsmann, bis er den Job verlor und sich mit dem kleinen Kafenion selbständig gemacht hat. Ich frage nach der Krise. Ausgerechnet in Griechenland, der Wiege der Demokratie. Er lacht. Das große historische Erbe des Landes sei längst zum Klischee verkommen. Diese Demokratie war in erster Linie für Reiche gedacht. „Die Sklaven, die an der Akropolis gebaut haben, meinen Sie für die gab es Demokratie?“

Vor Athen laufen tausende Haustiere herum, die frei gelassen wurden, weil ihre Besitzer das Futter nicht mehr zahlen können.

In den letzten vierzig Jahren sei hier alles kaputt gewirtschaftet worden. Der öffentliche Apparat beispielsweise, der mit der zunehmenden Digitalisierung nicht abgebaut wurde. „Zehn Leute saßen rum und einer hat gearbeitet.“ Oder die Schule. „Das Schulsystem ist so marode, dass die Kinder grundsätzlich privaten Zusatz-Unterricht brauchen. So wurden hunderte Akademiker durchgefüttert.“ Die Krise jetzt lässt die Auswirkungen natürlich zuerst die einfachen Leute spüren. „Vor Athen laufen tausende Haustiere herum, die frei gelassen wurden, weil ihre Besitzer das Futter nicht mehr zahlen können.“

Diejenigen die sich an Staats- und EU-Geldern bereichert haben, seien nicht belangt worden. Die Linke und der ehemalige Finanzminister Varoufakis hätten versucht, an die reichen Auslandsgriechen heranzukommen. „Das Geld ist natürlich nicht mehr in Griechenland, das lagert auf Schweizer Konten. Ihm wurde von den Schweizer Banken und auch den anderen EU-Ländern nicht geholfen.“

Und das Referendum? Wie kann es sein, dass ein Land feiert, wenn beschlossen wird, notwendige Maßnahmen zur Rettung ebendieses Landes nicht zu ergreifen? Einzig der gestärkte Nationalstolz? Er zündet sich eine Zigarette an, sieht dem Treiben auf der Straße zu. „Bei dem Referendum ging es in erster Linie um Klassen, um den Stand in der Gesellschaft. Diejenigen die für `Ja` gestimmt haben, waren die etablierte Klasse mit Plastikfähnchen und sauber produzierten Stickern. Um elf Uhr abends war bei denen Ruhe. Die Gegner des Reformpakets waren eine andere Klasse, da ging es bunt zu, es gab Bands aus allen Bereichen, sie haben gefeiert. Das war ein Sieg der einen Klasse über die andere. Aber so was versteht ihr nicht.“

Ich trinke meinen dicken, süßen Kaffee und verabschiede mich. Er bedankt sich für mein Kommen und das Interesse. Gerade als Deutsche.

Ohne die Familie würde das hier völlig anders aussehen.

In der U-Bahn bettelt eine Frau. Sie bekommt von fast allen Mitfahrenden Geld, deutlich anders als in der Berliner U-Bahn. Eine junge Mutter läuft ihr sogar hinterher als sie aussteigt, um ihr etwas in den Becher zu werfen.

„Die Leute halten zusammen“, sagt mir Thalia*. „Ohne die Familien, die sich unterstützen, würde das hier völlig anders aussehen.“ Thalia lebt in München, ist aber über den Sommer mit ihrem kleinen Sohn zu Besuch bei ihren Eltern in Athen. Mit ihr will ich eine der insgesamt vierzehn Kinder-Aufnahme-Einrichtungen der NGO „The smile of a child“ besuchen. Eine junge Frau mit Namen Aphrodite (sic!) führt uns durch das Haus. Aus den Zimmern beäugen uns griechische und ausländische Kinder. Zwei dunkelhäutige Mädchen sitzen auf dem Sofa und gucken SpongeBob. „Die wurden am Flughafen aufgegriffen. Sie sind aus dem Kongo. Ihre Eltern sind irgendwo in Frankreich. Vielleicht.“

Aphrodite führt uns zu Pangiotis Pardalis Dresios, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Er freut sich über unser Kommen und beginnt gleich zu erzählen. Die NGO ist spendenbasiert und arbeitet vor allem mit freiwilligen Helfer*innen. Die Aufgabengebiete erstrecken sich von der direkten Intervention, also beispielsweise der Aufnahme von Kindern aus gewalttätigen oder übergriffigen Familien über den Ankauf medizinischer Ausstattung, darunter auch Krankenwägen, bis hin zu Aufklärung, kostenloser Vorsorge, Impfungen und Reha-Maßnahmen von kranken Kindern in den personell unterbetreuten Krankenhäusern. Mit 430 Mitarbeiter*innen, darunter Krankenschwestern, Psycholog*innen oder auch Köch*innen und mehr als 2000 freiwilligen Helfenden greifen sie ein, wo der Staat den Bedarf nicht decken kann. „Die Krankenwagen und medizinische Ausstattung haben wir zum Beispiel in das Gesundheitssystem mit eingebracht, einfach weil es sonst keine Möglichkeiten gibt.“

Wenn eine Familie in einem Bergdorf einen Notfall hat, ein Kind mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus gebracht oder mit einem Hirntumor zu Behandlungen abgeholt werden müsse, gäbe es häufig weder Personal noch die medizinischen Mittel. Zudem sind viele Familien nicht krankenversichert. „Es gab schon vor der Krise Probleme, auch weil Steuergelder für Schulen oder soziale Einrichtungen nicht bei den Bedürftigen ankommen. Da fehlt die Transparenz.“

Seit Einbruch der Krise aber sei der Druck auf die Familien gewachsen. „Die Kinder sind als die schwächsten Glieder natürlich die ersten, bei denen sich das zeigt. „Das rutscht von einer finanziellen in eine psychologische Krise, die lange in den Familien bleibt und dann explodiert.“ Einige Eltern würden aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit gewalttätig oder fingen an zu trinken. Viele Kinder würden dann aus den Familien genommen und in unzureichenden staatlichen Institutionen „geparkt“ – oder man ließe sie trotz des Wissens um das problematische Umfeld in den Familien, einfach weil es keine andere Möglichkeit gibt. „Wenn wir einen Anruf bekommen, dass sechs Geschwister in einem fensterlosen Raum zwischen Kakerlaken und Exkrementen aufgefunden wurden und wir das ablehnend entscheiden müssen, weil uns die Mittel fehlen, das ist schwer zu ertragen“, so Pangiotis. Die Organisation benötige für all ihre Häuser und Aktionen rund eine Million Euro pro Monat, wobei die wenigen Angestellten weit unter 1000€ verdienten. Bislang wurde sie rein aus Spendengeldern finanziert, doch durch die Krise fallen die Gelder weg und die Bedürftigkeit steigt. „Diejenigen, die uns bislang unterstützt haben, stehen jetzt vor unserer Tür und bitten selbst um Unterstützung.“

Wir müssen es schaffen, schon um der Kinder Willen. 

Allein im ersten Halbjahr 2015 wurde Unterstützung für rund 60.000 Kinder und Familien angefragt. 2011 waren es noch 20.000 in einem Jahr. „Krankenhäuser schließen, behinderte Kinder werden aus Mangel an Personal an den Betten fixiert, es fehlen Medikamente.“ Dennoch will Pangiotis nicht aufgeben. Er ist nach Jahren in Österreich und der Schweiz zurück nach Athen gekommen, um zu helfen, etwas zu tun, aktiv zur Veränderung beizutragen. „Wir müssen weiterkämpfen und optimistisch bleiben. Das ist die einzige Möglichkeit, denn wir müssen es schaffen, schon um der Kinder Willen.“ Dafür brauche es einen starken Staat, doch vor allem brauche es eine Zivilgesellschaft und Zusammenhalt. „Regierungen kommen und gehen. Es sind die Leute, die den Unterschied machen.“ Unter www.saveoursmile.net ruft die Organisation nun Unterstützer*innen im In- und Ausland zur Mithilfe auf. Und wenn das nicht klappt? Pangiotis schweigt.

Als wir gehen, winkt uns ein kleines Mädchen zu, ihr Rücken gekrümmt, die Arme auf Krücken gestützt. Ich frage mich, was aus ihr und all den anderen Kindern werden soll, wenn „The smile of a child“ nicht mehr weitermachen kann und ob diejenigen, die über die Zukunft dieses Landes entscheiden, sich darüber Gedanken machen.

Thalia beschreibt, wie wütend sie wird, wenn sie Berichte in den deutschen Medien liest. „Wie die Griechen dargestellt werden, das fängt schon beim Kinderprogramm an, in dem erklärt wird, dass wir hier sich von den anderen Ländern Geld geliehen und zu wenig gearbeitet hätten und den Deutschen nun richtig viel Geld schulden. So was tragen die dann in die Schule, das ist ein Desaster.“

Sie erzählt von einer Freundin, die ein griechisches Lokal in einer bayerischen Ortschaft betreibt. „Die hat Morddrohungen bekommen: geh nach Hause, du fauler Grieche, sonst tun wir deinem Kind was an. Das war total krass, die hat richtig Angst.“ Thalia selbst vermeidet es inzwischen, mit ihrem Sohn in München auf der Straße griechisch zu sprechen. Nach ihrer Zukunftsprognose befragt meint sie: „Tsipras hat keine Chance, etwas zu ändern oder Reformen durchzubringen, die haben ihm ja die Hände gebunden.“

Ein weiteres großes Problem sei natürlich die Situation der Flüchtlinge. Im Areos Park hätten afghanische Geflüchteten gerade ein Lager aufgebaut. „Da sitzen Kinder und schwangere Frauen bei fast 50 Grad in der Sonne. Die waren zum Teil völlig dehydriert. Die Mitarbeiter*innen von „The smile of a child“ sind mit Krankenwagen dort hingefahren und haben vor allem Kinder in die Krankenhäuser gebracht oder vor Ort notversorgt.“

Wenn man über Jahre gedemütigt wird und dann hier auf der Straße landet – was hat man noch zu verlieren?

Ich fahre in den Park, um mir die Situation vor Ort anzusehen. Als erstes fällt der Gestank auf. Es riecht nach Exkrementen, in einer Ecke verteilt ein Dealer Heroin an verwahrloste Junkies. Daneben spielt ein etwa zweijähriges Kind im Dreck. Ein Kleiderhaufen liegt auf der Erde, achtlos hingeworfen. In Zelten oder auf Pappkartons sitzen afghanische Familien. Bergeweise Müll liegt herum, die Sonne glüht.

Ich bringe Wasser zur Verteilstation. „Wir haben einen Hilfsaufruf gestartet für die ersten die hier ankamen“, erzählt mir die restlos übermüdete Helferin. „Das haben andere Geflüchteten mitbekommen und jetzt kommen jeden Tag mehr. Inzwischen sind es an die 500.“ Die ersten Spendenaufrufe stießen in der Bevölkerung auf große Unterstützung. „Aber was ist in einer Woche oder in zwei?“

Die Situation von Geflüchteten war schon vor der Krise problematisch. Als Tor zu Europa strömen Menschen aus Krisenstaaten zu tausenden in das Land. „Seit Beginn des Jahres sollen mehr als 100.000 Geflüchtete allein auf dem Seeweg nach Griechenland gekommen sein.“ Das neue Sparpaket schreibt einen Einstellungsstopp vor, weshalb die Registrierung und Unterbringung der Geflüchteten vollkommen unzureichend von viel zu wenig Personal organisiert würde. „Wir haben keine finanziellen Mittel sie zu ernähren, von Unterbringung oder medizinischer und psychologischer Betreuung mal ganz abgesehen.“ Die Zunahme der Kriminalität liegt natürlich nicht nur an den Geflüchteten, aber auch. „Wenn man über Jahre und unter Erleiden traumatischster Erfahrungen geflohen ist, teilweise in den europäischen Aufnahmeanlagen missbraucht und gedemütigt wurde und dann hier auf der Straße landet, ohne genug zu essen für die Kinder – was hat man zu verlieren?“

Nachdem ich weitere Lebensmittel in die Aufnahmestation des Anarchistenviertels Exarchia gebracht habe, das wider alle Vorwarnungen wirkt wie eine gemütliche Version Kreuzbergs, treffe ich mich mit Hassan, einem zarten, eher schüchternen jungen Afghanen, der seit 2006 in Athen lebt. Er erzählt mir seine Fluchtgeschichte. Sie ist natürlich unerträglich. Allerdings eben eine von tausenden unerträglichen Geschichten, das ist das eigentliche Grauen.

„Anfangs lief es hier ganz gut“, erzählt er. Er bekam einfache Jobs auf dem Bau oder in einer Bäckerei. Mit der Krise verloren die Geflüchteten ihre Arbeit. „Viele Griechen waren plötzlich selbst arbeitslos und brauchten Jobs, da wollten sich die Arbeitgeber solidarisch mit ihren Landsleuten zeigen.“ Seitdem ist die Lage fatal.

Nach seinen Wünschen gefragt steht an oberster Stelle die Anerkennung als politischer Flüchtling. Dann aber senkt Hassan den Kopf. Wovon er träumt, seitdem er an einem Kunstprojekt mit anderen Geflüchteten teilgenommen hat, ist es, Theater zu spielen. Hier in Athen darf er zumindest immer mal wieder mal als Bühnenarbeiter im Off-Theaterbereich mithelfen. Nur ob er bleiben kann, ist unklar. „Ohne Jobs muss ich weiter.“ Vielleicht nach Deutschland, diesem verheißungsvoll reichen Land im Norden…?

Im Winter heizen wir maximal vier Stunden pro Tag, mehr ist nicht drin.

Vor meiner Abreise treffe ich noch Maria*, deren Nummer ich von meinem Onkel bekam. Er riet mir, sie mobil anzurufen. „Maria ist immer in der Arbeit“. Die müde aussehende kleine Frau Ende 40 ist Staatsangestellte, die seit den Sparauflagen unter den Kürzungen ihres Einkommens leidet. Von ihr möchte ich erfahren, wie es denn wirklich zugeht in diesem „aufgeblasenen Staatsapparat“. Bei 10-12 Stunden Arbeit an sechs Tagen der Woche verdiente sie bis 2011 als ausgebildete Biologin um die 2.000 €, jetzt sind es noch 1.100 €. Ihr Mann bekommt seit Beginn der Krise als Selbständiger keine Aufträge mehr, sodass Marias Gehalt für die dreiköpfige Familie ausreichen muss. Mit der dem unzureichenden Gesundheitssystem geschuldeten Privatversicherung, Steuererhöhungen, erhöhten Strom- und Heizkosten und dem ebenfalls notwendigen privaten Zusatzunterricht für ihre Tochter reicht das Geld hinten und vorne nicht aus. „Im Winter heizen wir maximal vier Stunden pro Tag, mehr ist nicht drin.“ Dabei wäre sie durchaus bereit, sich auf „fünf harte Jahre“ einzustellen, wenn sie irgendeine Hoffnung hätte, dass es danach bergauf ginge. „Das Problem ist, dass es der Wirtschaft nicht besser geht. Keiner weiß was passieren wird, aber niemand glaubt, dass dieses neue Programm irgendwohin führt.“

Davor haben wir einfach und gut gelebt, aber plötzlich schien alles möglich.

Zu ihrer Arbeit befragt sagt Maria, dass es inzwischen an allen Ecken an Leuten mangle. „Die Bürokratie ist nach wie vor überzogen hoch, da sollte angesetzt werden. Aber es gibt ohnehin schon zu viele Arbeitslose.“ Die Selbständigen ohne Auftrag wie ihr Mann seien in den Arbeitslosenzahlen noch nicht mal mitgezählt. „Natürlich sollten wir ein gut organisiertes System haben, und zwar ohne dass uns das jemand sagen muss. Wir waren vom Geld geblendet.“ Eine Weile riefen die Banken fast täglich an, um für billige Kredite zu werben. „Davor haben wir einfach und gut gelebt, aber plötzlich schien alles möglich.“ Viele ihrer Freunde kauften sich damals ein Haus oder eine Wohnung. Seit einiger Zeit aber gibt es wieder tägliche Anrufe. Von den Banken beauftragte private Geldeintreiber fordern die Schulden ein, zum Teil unter massivem Druck. Viele Leute halten diesem nicht stand. „Die Selbstmordrate und die Anzahl psychischer Erkrankungen ist extrem angestiegen.“

Einige Leute zahlten einfach, was sie irgendwie auftreiben können. „Damit bekommen die Banken zumindest etwas Geld, die Kredite werden aber nicht abbezahlt. Ein Hamsterrad der Verschuldung.“ Sie selbst will nicht zurück in den Zustand vor dem Memorandum. „Die Verschuldung hat uns gefangen gehalten. Wir haben als Gesellschaft unsere Balance verloren.“ Was wäre ihre Vision einer besseren Zukunft? „Wir sollten uns auf die Bildung fokussieren. Die Kinder und jungen Leute zum selbständigen Denken erziehen, damit sie nicht alles einfach schlucken. Das ist vielleicht das Beste an der Krise. Die Menschen fingen an nachzufragen, zu lesen, ihre Gehirne zu nutzen.“ Ob die Vision von mündigen Bürger*innen tatsächlich realistisch und staatsgewollt sein kann? Sie überlegt. „Kein System, das ich kenne, bringt die Leute zum Denken.“

Bei der Verabschiedung frage ich, ob sie darüber nachdenkt, das Land zu verlassen wie andere gut ausgebildete Akademiker*innen. Kurz schweigt sie, dann: „I’m looking.“

Wir alle haben eine Geschichte und nur allzu oft ist sie verknüpft. 

Auf dem Weg zurück nach Deutschland versuche ich das Erfahrene einzuordnen. Was alle, mit denen ich gesprochen habe, eint ist die Hoffnungslosigkeit, die Sorge vor Verarmung und zunehmender Kriminalisierung, die Hilflosigkeit ob der Flüchtlingsproblematik und die Furcht vor der Zunahme rechter Gewalt in ihrem Land – und in Europa.

Das Thema ist natürlich denkbar komplex. Tatsache ist aber, dass das momentane Miteinander nicht mehr viel vom europäischen Ursprungsgedanken in sich trägt – und zwar auf beiden Seiten. Ja, in Griechenland ist über viele Jahre immens viel katastrophal schiefgelaufen. An manchem hatten andere Länder ihren Anteil, an einigem haben sie zumindest mit profitiert, an anderem nicht. Es ist mühsam, beständig den Zweite-Weltkrieg-Joker aus der Tasche zu ziehen, aber mal vorsichtig formuliert: auch manch anderer Staat hat über lange Zeit unverzeihliche Fehler begangen und auch er bedurfte der Unterstützung und Hilfe seiner Nachbarn. Wir alle haben eine Geschichte und nur allzu oft ist sie verknüpft.

Deutschland ist gerade – durchaus auch berechtigt – ins Kreuzfeuer geraten, doch ist es die falsche Richtung, wenn diejenigen, die nachdenken und sich engagieren sich in Selbstbezichtigungen und Scham ergehen.

Möglicherweise wäre es auch für die europäische Gemeinschaft an der Zeit, sich bewusst machen, was dieses Land der Streber und Steuerzahler an Positivem mitbringt. Und vielleicht sollten einige Menschen bei uns begreifen, dass in einem Land wie Griechenland einiges funktioniert, was wir längst verloren haben, allem voran der beeindruckend starke Familienzusammenhalt oder das Bewusstsein dafür, dass man selbst handeln kann, ja muss, wo der Staat seinen Aufgaben nicht gerecht wird.

Wenn wir uns den gesamteuropäischen Fragestellungen nicht gemeinsam stellen, wird jedes Land alleine damit umgehen müssen. Das scheint für Deutschland gerade ein zu vernachlässigendes Problem, denn all das geschieht vornehmlich „dort“. Doch die Gewalt gegen Geflüchtete und die Hilflosigkeit anhand der vielen Menschen, die untergebracht, versorgt und betreut werden müssen, zeigt, dass sich diese Probleme nicht auf Griechenland beschränken. Wenn mittellos gewordene Griech*innen auf der Suche nach einem besseren Leben in die Länder des Nordens streben, gefolgt von tausenden weiteren traumatisierten Kriegsflüchtlingen, wird die Krise auch bei uns ankommen.

Im Kern geht es darum, wie wir leben wollen und was uns als Menschen ausmacht. 

Und doch sollte eine neue Art von Zusammenhalt nicht Selbstzweck sein. Im Kern geht es darum, wie wir leben wollen und was uns als Menschen ausmacht. In unserem Grundgesetz haben wir diesen wunderbaren ersten Artikel, der besagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“ Ist das nicht grandios? Und ist dieser Artikel nicht entstanden aus den Lehren, die ebendieses deutsche Volk so bitter ziehen musste?

Wäre es denn folgerichtig nicht unsere Aufgabe, gerade weil wir durch unsere Geschichte und deren Aufarbeitung Abstand von der rein nationalen Identifikation gewinnen mussten, zu helfen, dieses Europa neu zu definieren? Nicht wegzusehen und zu hoffen, dieser Kelch möge an uns vorüberziehen.

Wir könnten Griechenland ein gleichgestellter Partner sein, das geht aber nur, wenn beide Länder bereit sind, miteinander und vor allem: für die Menschen zu arbeiten.

Und ich stimme mit Pangiotis überein: Wir müssen kämpfen. Wir alle.

Mahatma Ghandi sagte einst: „Der Friede zwischen den Nationen muss auf dem soliden Fundament der Liebe zwischen Individuen beruhen.“ Am Ende bestehen die Länder und Staaten daraus: Aus Menschen, die ihr eigenes kleines Stück Land schützen und die sich bekriegen können – oder sich füreinander interessieren und zusammenhalten, weil die Geschichte uns alle gelehrt hat, dass das Gegeneinander zu keiner Zeit funktioniert hat.

Bei meiner Ankunft in München ist es sommerlich warm. Noch voller Eindrücke gehe ich zu Ioánnis auf einen Ouzo. Er lächelt, als ich von meiner griechischen Reise erzähle – und füllt mein Glas erneut.

Man könnte meinen, es wäre so einfach.

BEBEN

Der Himmel stahlblau.
Raumschiffe kreuzen,
Die Farbenpracht,
In der Sonne, tanzt.

Wir auf dem Gras,
Folgen mit unserem Blick
Und wissen
Dies ist das letzte Jahr.

Noch funkelt Metall.
Noch gibt es Himmel, Blumen und uns.
Doch die Häuser über unseren Köpfen
Werden fallen.

Ich liege nackt im Schnee.
Nur ein Traum sagst du,
Während du telefonierst,
Und spürst nicht die Häuser
Wanken unter uns.

WIE WOLLEN WIR LEBEN?

Was, wenn wir endlich aufhören würden, mit dem ständigen Empören?

Mit der Schuldzuweisung, dem Besserwissen, dem permanenten gegenseitigen Runtermachen?

Einfach mal aufhören, nur für einen Moment.

Und uns fragen: Wie wollen wir leben? Und vor allem: Wie wollen wir zusammenleben?

Denn unsere Gesellschaft ist gespalten. Das ist nichts Neues und ausreichend benannt.

Aber was, wenn wir auch diese Spaltung erstmal ankommen ließen mit allem, was sie mit sich bringt. 

Mit der Wut, der Empörung, der Angst, der Trauer, der Ratlosigkeit. Einfach ankommen lassen und damit sein.

Und von diesem Ort aus einander zuhörten, ohne gleich eine Antwort parat zu haben.

Empörung heißt: Ich weiß es besser als du, ergo liegst du falsch und ich rege mich laut auf und stelle mich über dich, denn damit zeige ich allen meine Überlegenheit, also mein Rechthaben, was bedeutet dass ich richtig bin in der Welt.

Funktioniert besonders gut, wenn die Abwertung witzig daherkommt. Nichts ist einfacher, als einen Verriss zu schreiben oder sich über andere Menschen lustig zu machen. Das ist die leichteste Disziplin – und sie bringt den meisten Applaus.

Aber was liegt hinter der Empörung?

Möglicherweise ein Gefühl von Unsicherheit, weil das Zulassen der Möglichkeit, dass es unterschiedliche Wahrheiten geben könnte, das eigene Fundament ins Wackeln bringt?

Oder gar ein Schmerz, weil ich dir nahe sein möchte, aber nicht zu dir durchdringe? Das macht mich sauer – und deshalb poltere ich lieber, als mich durch die Wut und den Schmerz hindurchzufühlen.

Vielleicht auch schlicht Fassungslosigkeit. Da könnte ein Mittel der Wahl sein, zu sagen: Ich bin fassungslos und wütend. Statt: Du bist ein Schwachkopf und rechts noch dazu.

Verschwörungstheorien (sofern es sich tatsächlich um solche handelt) sind ja unter anderem gesellschaftliche wie persönliche Schatten. Ins Außen projizierte Angst. 

Aber diese Angst war schon vorher da. 

Die Furcht vor Fremdbestimmung, vor Willkür, Manipulation und Abhängigkeit. 

Was, wenn wir uns, statt auf Menschen herumzuhacken, erstmal dieser Furcht zuwendeten und gemeinsam erforschten, woher sie kommt, individuell wie kollektiv?

Denn es hilft einfach nicht, Menschen in die rechte Ecke zu schieben, weil sie anderer Meinung sind, so unglücklich oder unbeholfen sie diese Meinung auch äußern mögen. 

Wenn wir diejenigen, die sich besorgt zu Wort melden allesamt niederschreien und in einen Topf werfen, spalten wir unsere Gesellschaft immer weiter. Wer sich so ungehört fühlt, wird am Ende noch wütender oder verzweifelter – daraus kann Radikalisierung entstehen. Muss natürlich nicht, die Wahl hat jede*r einzelne immer.

Aber wenn ein großer Teil der Gesellschaft sich aus ganz unterschiedlichen Gründen und nicht erst seit Corona nicht gehört fühlt, dann ist es wichtig, auch diese Stimmen anzuhören, so unangenehm, verblendet, dumm oder falsch sie in unseren Augen auch sein mögen.

Es sind nicht lauter „Idioten“, „Aluhüte“ oder „Nazis”, die gerade auf die Straße gehen, oder sich kritisch äußern. Es gibt viele kluge Köpfe, die alternative Wege zu dem Umgang mit der momentanen Situation aufzeigen. Nicht alle, natürlich nicht. Aber viele. Und es gibt Menschen, die sich mehr denn je alleingelassen fühlen und abgehängt.

Natürlich müssen wir unsere Stimme vehement erheben, wenn es um menschenverachtendes Verhalten geht. Natürlich können wir uns klar abgrenzen, wenn wir eine Meinungsäußerung falsch, verwerflich oder gar gefährlich finden. Den Menschen abwerten müssen wir aber nicht! Und natürlich müssen wir nicht jeder noch so kruden Theorie Gehör schenken oder uns alle händchenhaltend in den Park setzen und einander zuhören (andererseits: Gibt wahrscheinlich Schlechteres).

Aber wenn das nächste mal jemand, der oder die dir nahe steht, sagt, ich lass mich nicht impfen, dann frag doch einfach mal nach: Warum? Was befürchtest du? Und wenn du mutig bist gib vielleicht sogar zu: Das macht mir Angst. Oder: Dass du die Welt so anders wahrnimmst als ich, das trennt uns und das schmerzt mich. Oder: Ich werde stinkwütend, weil ich denke dein Weg führt uns noch weiter in Tod, Krankheit, Überforderung, Dauer-Lockdown. Darunter liegt Ohnmacht und die Sorge, dass das nie aufhört.

Und andererseits, wenn du jemanden sprichst, der oder die in deinen Augen ein “regierungstreues Schlafschaf“ ist, frag doch nach: Warum nimmst du die Welt so wahr? Gibt es nichts, was dich stutzig macht? Oder versuche deine Sicht zu teilen, ohne Vorbehalt und ohne von Anfang an überzeugt zu sein, dass du richtig liegst.

In einem solchen Gespräch zeigen wir uns. Dort könnten wir uns begegnen, dort kann Heilung stattfinden und Verbindung. 

Am Ende liegen wir wahrscheinlich nicht so fern. Die einen sorgen sich um ihre Kinder und halten deshalb Impfungen für die einzige Lösung, die anderen genau umgekehrt. Die einen sehen die Probleme von Kulturschaffenden und wollen deshalb harten Lockdown, damit es endlich aufhört, die anderen sofortige Öffnung aus ebendiesem Grund (und viele Positionen dazwischen).

Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig den Kredit gäben, dass jede*r einfach sein oder ihr Bestes gibt, selbst wenn es ein anderes „Bestes“ ist, als das unsere?

Wenn wir nicht einfach nur durchgeimpft zum alten Status Quo zurück wollen, sondern als Gesellschaft weiter kommen, vielleicht sogar an dem was wir durchlebt haben gewachsen, aufmerksamer, offener, verbundener, dann müssen wir das zusammen machen. Und diejenigen, die sich schon viel zu lange als Verlierer des Systems fühlen, mitnehmen, anstatt sie noch weiter abzudrängen. 

So naiv es auch klingen mag, ich sehe keinen anderen Weg als den Weg der Liebe.

Den Weg von Angst, Ablehnung und Trennung haben wir schon viel zu lange versucht.

CHECKLISTE

1. Zynismus hilft selten

2. Wer Polemik sät, wird Polemik ernten

3. Sich in einer außerordentlich komplexen Situation im Besitz der Wahrheit zu fühlen, sollte stutzig machen (auf allen Seiten)

4. Öl ins Feuer führt zu Verbrennungen

5. Erst denken, dann handeln ist eine gute Reihenfolge

6. Fehler sind menschlich

7. Einsicht und Kurskorrektur sind kein Zeichen von Schwäche, ebenso wenig wie Vergebung

8. Von oben herab ist keine Diskussionshaltung auf Augenhöhe (in keine Richtung)

9. Auf einstigen Helden herumtreten macht niemanden größer

10. Trennung führt zu immer mehr Trennung

EDUCATE YOUR SON

Ich liebe Männer. Nicht alle, natürlich. Aber viele. Ich liebe und bewundere auch einige ältere weiße Männer (nicht das Prinzip, aber den Menschen). Und neben aller Kritik an patriarchalen Systemen halte ich es für unbedingt wichtig, nicht in die alte Falle von Ablehnung und Degradierung zu treten. Denn: Männer sind NICHT das Patriarchat! Einige Männer unterstützen mehr oder weniger bewußt patriarchale Strukturen. Manche Frauen auch. Neben „educate your son“ sollte ebenso „educate your daughter“ stehen. Oder vielleicht weniger erziehen, als vielmehr: vorleben. Töchter, die täglich sehen, dass ihre Mütter nett lächeln, wenn sie eigentlich wütend sind oder sich klein machen (lassen) und zurückstecken, um ihr Gegenüber bloß nicht durch ihre Größe zu überfordern oder zu viel Raum einzunehmen, werden lernen, dass das der richtige Weg ist. Frauen, die zulassen, dass ihr Partner respektlos über ihre Fähigkeiten oder ihren Körper – oder den der Tochter – spricht, werden dies als hinzunehmendes Verhalten weitergeben. Väter, die Angst vor weiblicher Überformung, vor Menstruationsblut und körperlicher Veränderung haben, werden ihren Töchtern unbewußt Signale senden, ihr Frausein abzulehnen oder sich dafür zu schämen. Ähnliches gilt auch für heranwachsende Männer. Ich habe zwei Söhne und ich möchte nicht, dass sie in dem Gefühl großwerden, Unterdrücker zu sein, Vertreter eines gewaltvollen Geschlechts, dessen Sexualität abstößt und verletzt. Ich möchte, dass sie wissen, dass ihre Sexualität ebenso heilig und schön ist, wie die der Frauen. Ich möchte, dass sie ein „Nein“ als Nein annehmen können, ohne damit ihren eigenen Wert in Frage gestellt zu sehen. Ich möchte, dass sie lernen, einen Raum zu halten, für sich und andere und ihre großartige Kraft genießen. Ich möchte, dass sie sich frei fühlen in ihren Körpern und in ihrem Wesen, weil sie wissen, dass die Mädchen und Frauen, denen sie begegnen, ebenso frei sind und für sich sorgen. Ich möchte, dass sie ihre Lust integrieren und sie irgendwann in respektvollem Kontakt ausleben können, was auch immer das bedeutet. Ich möchte, dass sie es wagen, groß zu träumen, dass sie strahlen und sich zeigen, ohne sich zurückzunehmen oder zu beschränken. Weil sie wissen, dass die Frauen um sie herum ebenso groß und strahlend sind und auch sie sich nicht zurückhalten. Ein derart bewußtes Miteinander braucht Arbeit. Deshalb unbedingt: Quote. Unbedingt mehr Frauen in Kunst, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Wobei Menstruationsbeschwerden oder Schwangerschaftsübelkeit kein Tabu mehr sein dürfen, sondern vollkommen natürlich integriert werden sollte. Weil niemand von uns einfach immer gleich funktioniert, wie eine Maschine. Weil dass das Leben ist und alles Andere die Lebendigkeit und die Rhythmen der Natur negiert. Unbedingt also: Educate your son. Und: Empower your daughter. And yourself. Mehr glückliche, strahlende, kraftvolle Frauen und Männer werden mehr glückliche, strahlende, kraftvolle Kinder heranziehen, die Nein sagen und hören, wenn Nein gemeint ist. Und Ja, wenn sie Lust haben, ihr Sein oder ihre Sexualität zu teilen, mit wem auch immer. 

EMPÖRUNG

Was kommt nach der Empörung? Wenn das Gegenüber egal ist: Nichts. 

Sofern wir aber gesellschaftlich wie persönlich wachsen wollen, ist der nächste Schritt, die Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen. Denn jede Abgrenzung – so legitim sie in der Sache sein mag – bedeutet auch: Trennung.

Corona, dieser große Highlighter, beleuchtet nun ja deutlicher denn je, wie viel Spaltung und Unverständnis gerade in der Welt herrscht. Wenn ich der Trennung, die ich erlebe, durch meine Reaktion noch mehr Trennung hinzufüge, bin ich nicht nur Teil des Problems – ich befeuere es noch zusätzlich.

Was wir aber alle (unter anderem) suchen ist: Verbindung.

Echte Verbindung erfordert Begegnung. Und zwar zuallererst mit uns selbst.

Ein Weg dafür ist offen sein, neugierig. Was an der Haltung / dem Thema berührt mich so stark? Und warum? Was spiegelt mir das Gegenüber? Wo liegen meine Schatten, die Anteile, die ich nicht sehen kann oder will? Was liegt hinter der ersten Reaktion? Und was dahinter? (Spoiler: Hinter der Empörung und der Wut liegt irgendwann immer die Angst. Und hinter der Angst die Liebe. As simple as that.)

Damit erstmal sein, am besten unter Bäumen.

Und dann erst, aus der Klärung, in Kontakt treten. Und zwar – sofern ich echte Verbindung suche – ohne Urteil.

Fragen: Wie erlebst du die Welt? Und warum? Was ist deine Sorge?

Und danach zuhören. Ohne etwas dazu sagen zu müssen. Ohne Recht haben zu wollen. Ohne auf den Einsatz für eine eigene Erwiderung zu warten.

Und mich am Ende bedanken.

(Der andere Weg ist: Atmen. Das Gefühl da sein lassen. Es freundlich-interessiert betrachten. Es ziehen lassen. Klingt einfacher. Ist es auch. Wirkt trotzdem.)

Das bedeutet nicht, nichts zu tun oder die Haltung oder Handlung des Gegenübers gut zu heißen. Es bedeutet: Klar zu meinen Werten zu stehen und dennoch offen zu bleiben. Nicht aus einer impulsiven Erst-Reaktion heraus zu agieren. Den Menschen nicht abzuwerten, auch wenn ich was er/sie tut oder sagt ablehne.

Sollen wir also weiter aufstehen und uns klar positionieren, wenn wir völkisch-nationalistische, rassistische oder sexistische Äußerungen hören? Wenn ein Gesetzesentwurf droht, unsere Grundrechte entscheidend zu beschneiden? Wenn unterschieden wird in system-relevant und irrelevant und ganze Berufszweige um ihre Existenz bangen? Wenn die Kriminalpolizei Solo-Selbständigen, die sich um Unterstützung bemüht haben, weil ihnen alle Einkommensquellen weggebrochen sind, mit einer Klage auf Subventionsbetrug droht, während andernorts Millionenbeträge ausgeschüttet werden? Wenn Frauen und Kinder immer mehr unter häuslicher Gewalt leiden? Wenn alte Menschen isoliert werden und alleine sterben müssen, weil es keine besseren Ideen gibt (oder diesen kein Gehör geschenkt wird)? Wenn Regenwälder abgeholzt werden? Wenn wir Zeugen werden von Hass, Gewalt und Leid?

NATÜRLICH!

Aber – und das macht den Unterschied – von einem komplett anderen Ort aus. Denn worum geht es eigentlich? Dir, mir, uns allen. Worauf können wir uns einigen? In was für einer Gemeinschaft wollen wir leben? 

Soll Angst unser Leitstern sein? Oder Friede, Freiheit, Freude, Mut, Toleranz?

Wir brauchen gerade nicht noch mehr Meinung und Schlagabtausch. Wir brauchen Menschen, die es wagen, mit den Wogen der Aufruhr im Innen und Außen still zu werden. (Stille muss dabei nicht heißen: Sitzen und schweigen. Still werden kann auch bedeuten, in die Natur zu gehen. Zu tanzen. Über den Körper in die Präsenz zu kommen. …)

Daraus kann dann der nächste Schritt entstehen, indem wir klar in unseren Werten und unserer Absicht für eine positive Vision der Welt einstehen.

Mega herausfordernd.

Aber wir sind ja nicht alleine.

Ich glaube es lohnt sich.