ÜBER DEN WOLKEN

ÜBER DEN WOLKEN

Der Flug nach Frankfurt am Main.

Am Check-In ein alter Mann.

Eine junge Frau an seiner Seite. 

In ihrem Gesicht spiegelt sich die freudige Erwartung ob seines Abfluges.

Auf Wiedersehen mein Kind.

Unruhig dreht sie den Kopf zur Seite.

Bis dann Papa.

Schon ist sie weg, zurück bleibt seine einsame zum Gruß erhobene Hand.

Wie in die Luft gehängt.

Einsteigen bitte.

Die Erde entfernt sich.

Zwei Reihen weiter: Menschen die sich zur Seite beugen.

Sie fliehen vor dem Geruch.

Er trägt einen verblichenen Pullover.

Der Bart wächst ungleichmäßig.

Er sitzt unruhig – erhebt sich.

Immer wieder läuft er durch den schmalen Gang.

Der Becher in seiner Hand zittert.

Seine Schritte – bei jedem Mal unsicherer, wackelig tastend.

Ängstlich, dass sie ihm nichts mehr geben könnten.

Ängstlich, dass der Alkohol zu Ende geht.

Ängstlich, vor der Frage nach Bezahlung.

Schließlich kehrt er zurück zu seinem Sitz, sich abstützend an glatten Flugzeugwänden.

Der Plastikbecher in seiner Hand so leer wie seine Augen. 

Im Bord-Fernseher läuft ein Film über Disneyland. 

Schmetterlinge im Bauch der Liebenden die durch die Plastikwelt der schönen Dinge tanzen. Die Welt der Prinzen und Prinzessinnen. 

Immer wieder unterbrochen von dem Bild des alten Mannes, dem das Leben nicht mehr als einen Plastikbecher voll Sehnsucht schenkt. 

Keine Schmetterlinge für ihn.

War er jemals der strahlende Prinz für irgendjemanden?

Hat eine Mutter seinen Kopf mit dem weichen Flaum zärtlich gestreichelt? 

Der Flaum, den jeder Mensch einmal hatte, selbst dieser Mann, anstatt der nun schütter gewordenen Strähnen.

Hat sie ihn an der Hand genommen, ihn meinen kleinen Engel, meinen einzigen Schatz, meinen Liebling genannt?

Hat sein Vater ihn auf den Schultern durch die Stadt getragen?

Voller Stolz, damit alle Menschen diesen Prachtkerl von einem Sohn sehen konnten.

Haben sie Großes erwartet von ihm, an ihn geglaubt, ihm alles zugetraut, vom Bundeskanzler bis zum Profi-Fußballspieler?

Fanden sie ihn einmal zu gut für irgendein dahergelaufenes Mädchen?

Hatte er einen Freund?

Wurde er angerufen von ihm, nachts, wenn die Welt am kältesten schien?

Und hat er einmal, nur ein einziges Mal in seinem Leben alles bedeutet für jemanden? 

Gab es eine Frau die ihm in die Augen sah und wusste: Das ist er!

Hat sie jeden einzelnen seiner Handknöchel geküsst, den Schwung seiner Augenbrauen staunend bewundert, die ersten leisen Fältchen mit den Fingern nachgezeichnet?

Stand er jemals auf einer Blumenwiese, die Geliebte an den Hüften durch die Luft schwingend.

Ging er neben ihr, mit stolzgeschwellter Brust und befürchtete zu platzen vor Glück?

Und wie war es als er in die Augen seiner Tochter geblickt hat?

War er atemlos vor Staunen über so viel Perfektion?

Hat er diesen einen Blick gesehen?

Den Blick voll Vertrauen. Voll Glauben an seine Unbesiegbarkeit.

Ein Prinz, dessen Königreich untergeht – ist er noch ein Prinz? 

Was ist es, das einen Mann zu einem Prinzen macht? 

Das Herz eines Prinzen? 

Ist die Katze mit dem Löwenherz ein Löwe?

Er fiel tief dieser Prinz. 

Nie wurde aus dem Prinzen ein König.

Obwohl er gerade hoch in den Lüften schwebt, spürt er keine Erleichterung. 

Es erinnert ihn an die Zeit als er noch zu hoffen wagte.

An die Zeit der Träume.

An sein Prinzen-Dasein.

Die Erinnerung ist am Schlimmsten.

Nur der billige Wodka kann sie zurück drängen.

Doch noch nicht einmal der ist von Dauer.

Ein Plastikbecher ist was bleibt von einem Leben.