DER BADEMEISTER- Kurzgeschichte

DER BADEMEISTER- Kurzgeschichte

Am meisten liebte er den frühen Morgen. Den vertrauten Geruch, das leise Schimmern der Wasseroberfläche in der kathedralengleichen Halle. Wenn die Lichter explodierten, von seiner Hand aus dem Schlaf gerissen, schienen die toten Augen der Marmorstatuen ihn anzublicken. Rechts und links vom Eingang zu den Duschen positioniert, die Nacktheit wie einen Mantel tragend, für alle Zeiten festgehalten im Moment größter Anmut und Jugend. 

Zwischen ihnen befand sich die Eisentür. Sie gab dem Druck seiner Hand nur widerstrebend nach. Ajax, sein Bullterrier, folgte ihm. Die Dusche war ihr Lieblingsort. 

Er ließ das Licht ausgeschaltet. Vollständige Dunkelheit. „Die Zelle“ nannten viele diesen Raum. Für ihn, der wie jeden Morgen unter dem warmen Wasserstrahl stehend den Tag begann, war es wie im Mutterleib. 

Nach dem Duschen blieb wenig Zeit. Kaum hatte er die Reinigungsmaschine ausgestellt, die Tür zur Sammelumkleide aufgeschlossen, dem Hund den Maulkorb abgenommen und ihn weggesperrt, standen sie bereits vor der Tür. 

Als erstes kamen die „Frühen“, Männer zumeist, die noch vor der Arbeit ihr tägliches Soll erledigen wollten. Sie beachteten ihn nicht weiter. Ohne zu zögern stiegen sie ins Wasser, schwammen eine exakte Anzahl an Runden und verließen es wieder. Nur beim Föhnen ließen sie sich Zeit. 

Es störte ihn nicht, dass sie durch ihn hindurchsahen, im Gegenteil. Die unbeteiligte Hinnahme seines Daseins bedeutete ja, dass er in ihrer Wahrnehmung untrennbar mit dem Schwimmbad verschmolzen war. Ein Torwächter, wie in den Rollenspielen, die seine Freizeit bestimmten. Er wäre auch dort gerne der Hüter des Tores gewesen, hochgewachsen und machtvoll, einmal zumindest. Sein immergleicher Part jedoch war der des Zwergenkriegers. „Passend“, wie der Spielleiter nicht müde wurde, ihm zu erläutern. „Der dicke Bauch, die kleinen Augen, der perfekte Zwerg.“ Er fügte sich, dort. Doch nicht hier, nicht in seinem Bad. Ein Provinzbad vielleicht, für die Schwimmer jedoch ein Tempel, zu dessen Innerstem er ihnen den Zugang ermöglichte. Auch wenn sie sich beharrlich weigerten, ihn wahr zu nehmen, Morgen für Morgen. 

Nachdem die Frühen gegangen waren, kamen die Mütter. Sie hatten ihre Kinder soeben in den Aufbewahrungsanstalten abgegeben und waren nun verbissen entschlossen, etwas für sich zu tun. Ihre Gesichter grau, die Körper müde, die Haut von Rissen durchfurcht. Sie blickten ihn an, gehetzt, dann wieder fort. Er erinnerte sie mit seinem schwammigen Äußeren auf unschöne Weise an ihre eigenen neuen Körper. Verschämt stiegen sie ins Wasser in ihren verblichenen Bikinis und den kaschierenden Badeanzügen, die ihre Makel nur umso stärker zur Geltung brachten. Er genoss es, ihnen zuzusehen. Sie schwammen allein oder zu zweit. Ihr sinnentleertes Geschnatter plätscherte über den blauen Pool und versank.

Wenn die Mütter sich langsam in Richtung Haushalt bewegten, kamen die Alten, die allzeit gepackten Taschen über dem Arm, die Schwimmkarte gezückt. Sie grüßten ihn mit Namen, fragten nach dem Befinden seines Hundes, brachten ihm mitunter gar selbstgemachten Kuchen mit. Sie wollten erkannt werden, als vergewisserten sie sich durch die Nennung ihres Namens, dass sie noch am Leben waren. 

Die Alten hatten Zeit. Sie mussten ihre Körper nicht mehr verstecken, Körper, die ohnehin schon mehr dort waren, als in dieser Welt. 

Er mochte sie, sah ihnen gerne zu, wie sie langsam, die Köpfe mit den vom Friseur gerichteten Haaren sorgenvoll über dem Wasser balancierend ihre Bahnen zogen. Sie unterhielten sich leise oder schwammen allein in schweigender Gesellschaft anderer Übriggebliebener. Sie zu beobachten gab ihm ein Gefühl von Hoffnung. Im Gegensatz zu ihnen hatte er zumindest die Möglichkeit einer Zukunft. Alles konnte anders werden, größer, während sie unaufhaltsam dem Vergessen entgegenschwammen. 

Sobald die Alten im Wasser waren, aß er sein Brot. In ihrer Gegenwart schämte er sich nicht der dick gebutterten Scheiben, die ihm die Mutter mitgegeben hatte wie jeden Tag. 

Während die Alten noch sorgsam jeden Zentimeter ihres Körpers abtrockneten und sich schwer atmend in die farblos-praktischen Kleidungsstücke zurückkämpften, kamen die Sportschwimmer. Für die lebte er. 

Er sperrte die Bahnen ab, damit sie in strikter Reihenfolge mit aggressiven Zügen das Wasser durchpflügen konnten. Störungen machten sie wütend und wenn jemand es wagte, in ihre Bahn zu geraten, in der Annahme, sie könnten sich eingliedern in die militärische Ordnung, preschten sie so nahe an ihnen vorbei, dass die unbedarft Schwimmenden um ein Haar den Schlag eines ausholenden Armes oder den Tritt eines durch das Wasser brechenden Fußes abbekamen. Meist flohen die so in ihre Schranken Gewiesenen schnell und zogen auf der verbliebenen Nebenbahn ihre Runden. Die Sportschwimmer blieben lange. Stunde um Stunde, mit konstantem Tempo und er wachte über sie, hielt den Atem an, wenn einer es wagte, sich ihnen zu nähern. Wie einem regeltreuen Soldaten flößte ihre Unzufriedenheit ihm Respekt ein.

Mittags dann folgten die Damen aus den umliegenden Büros, missgelaunt, weil sie ihre Yogastunde nicht in der allzu knapp bemessenen Pause unterbringen konnten und so auf dieses Bad ausweichen mussten, das so gar nicht ihrer Vorstellung von dem mondänen Erfolgsleben ihrer Boulevard-Vorbilder entsprach. Nie wurden sie müde, ihn auf unsaubere Ecken hinzuweisen, ihm im Wasser verlorene Pflaster zu präsentieren, als habe er persönlich es gewagt, ihnen diese in die Bahn zu werfen. Sie blieben kurz und entschwebten, einen Geruch nach Apfelshampoo hinterlassend. 

Und dann kamen die Kinder, die nach der Schule sein Bad überrollten wie eine Naturkatastrophe. Sie verunreinigten das Wasser mit ihrem Urin und ihrer Spucke. Vor Testosteron berstende Knaben ließen, nachdem sie die Mädchen mit ihren Taucherbrillen begafft hatten, ihrem pulsierenden Drang nach Onanie in den Schwimmbadtoiletten oder über Abfalleimern freien Lauf. Ihre stupiden Sprüche zierten die Wände der Kabinen, von wo er sie später mit Spiritus und Genugtuung wieder entfernen würde. Er hielt sich von ihnen fern, nichts wäre ihnen lieber gewesen als seine Wut, ein Zeichen der Schwäche, an dem sie die eigene Größe bemessen hätten. Sein Schweigen machte sie unsicher. Eine Co-Existenz gegenseitiger Abneigung.

Die kleinen Kinder dagegen rannten herum, in ihren winzigen Badehosen, mit den lauten Stimmen, dem Lachen. Er hasste das. Hasste es, wie das Lachen an den altehrwürdigen Wänden abprallte, hasste das Spritzen, das unbeholfene Herumpaddeln im Wasser. Es war nur richtig, dass sie ihn fürchteten und sich wegduckten, sobald er in ihre Nähe kam. Später würden sie sich seiner erinnern, als einer Person, die ihren Lebensweg durch die Ermahnungen und eindrucksvolle Präsenz entscheidend geprägt hatte.

Am Nachmittag übergab er die Aufsicht an seinen Kollegen, einen naiven Hohlkopf, der die Kinder mit seinen Spielen und markigen Sprüchen zu beeindrucken suchte. Die Kleinen folgten ihm mit hündischer Zuneigung wie einem Rattenfänger und er genoss ihre Bewunderung. Dabei war gemocht werden nicht wichtig. Wichtig war Respekt. Das hatte er gelernt, als er mit Ajax zu arbeiten begann. Es war ein guter Hund, scharf trainiert, doch treu ergeben. Einmal befreit strotzte sie nur so vor mühsam zurückgehaltenem Jagdinstinkt. Der Respekt allein stellte sicher, dass er sich niemals gegen seinen Herrn wenden würde. Allzu gerne wäre er durch die Halle gerannt und hätte ein paar Kinder gejagt, sie in der Dusche erschreckt. Er hätte ihnen nichts getan. Ohne die Erlaubnis seines Besitzers wagte er das nicht. Ein Vorfall und sie hätten ihn weggesperrt, vielleicht sogar eingeschläfert. Hunde hatten keine Rechte. 

Dem Bullterrier beschrieb er seine Tage. Er war ein guter Bademeister, passioniert, prinzipientreu. Er kannte seine Gäste und ihre Geheimnisse besser als diese es ahnten. Und so war der Hund auch der Erste, dem er von Archibald Sommer erzählte. 

Der Tag begann wie immer. Aufschließen, die Frühen, dann die Mütter. Heute allerdings trug Frau Sybille einen neuen Badeanzug in Himmelblau. Das hätte ihn stutzig machen müssen. Doch erst als sie den anderen Damen mit vor Aufregung flatternden Lidern von einem neuen Mann erzählte, horchte er auf. Solche Momente irritierten ihn. Sie geschahen selten, doch wenn es vorkam, veränderten sich Dinge, die nicht verändert werden durften. Routine und Gewissheit waren unabdingbar, Neues machte ihm Angst. Zum Glück hielt eine solche Veränderung selten lange an. Bald würde ihr Bauch erneut anschwellen, ihre Augen würden verglühen, die Haut sich dehnen und reißen und die anderen Mütter müssten sich in ihrem sicheren, weil bekannten Unglück nicht länger bedroht fühlen. 

Als die Alten dran waren, aß er das Butterbrot und die Frikadelle, die seine Mutter am Abend gebraten hatte. In dem Moment öffnete sich die Tür und Archibald Sommer kam herein. Beinahe hätte er sich an dem trockenen Fleischball verschluckt. Archibald Sommer war der Stolz des Ortes. Schon als Kind hatte er Trophäen erschwommen, als junger Mann stand ihm die Welt offen. Er ging in die Stadt, um in einem „richtigen“ Schwimmbad zu trainieren. Der Bademeister kannte Archibald von früher, als dieser einer der jugendlichen Schmierer gewesen war. Unverschämt, arrogant. Sein Schwimmstil aber war von Anfang an außergewöhnlich. 

Und nun war er zurück im Bad seiner Jugend. Archibald sah sich um. Er trug eine knappe Badehose, wie Profischwimmer sie benutzten. Seine Muskeln arbeiteten unter der glatten Haut, die Beine vibrierten vor Kraft. Seine dichten, dunklen Haare waren zurückgebunden, sein Markenzeichen. 

Archibalds Blick glitt über die Alten, dann weiter zu ihm, dem Bademeister. Hastig packte er das Brot weg und fuhr sich mit fettglänzenden Fingern durch die kurz geschnittenen Haare. Der junge Mann schlenderte herüber, es sah aus, als würde er tanzen. „Gibt es die Möglichkeit, eine Bahn abzusperren?“ Sie sahen sich an. Der Bademeister erhob sich und blickte in das Gesicht, das er wie alle hier aus dem Fernsehen kannte. „In einer halben Stunde kommen die Sportschwimmer, dann sperre ich ab.“ Archibald musterte ihn mit ruhigem Blick. Der Bademeister erinnerte sich daran, wie dieser junge Mann als Kind vor ihm gestanden hatte, tropfnass, mit unter der Zurechtweisung gesenktem Kopf und einem Glitzern in den Augen, das jede Reuebekundung Lügen strafte. Er hatte das Gefühl, dass auch Archibald sich erinnerte. Ein kurzer Schatten auf den ebenmäßigen Zügen. „Nicht früher?“ Der Bademeister machte eine Geste in Richtung Becken, über deren Unbeholfenheit er sich später ärgern würde. „Sie sehen ja, die älteren Herrschaften sind jetzt dran.“ Archibalds Hand fuhr durch die Luft, als verscheuche er eine Fliege. Für einen Moment standen sie dort, eingefroren in den Augenblick vor einer Entscheidung. Die Frage kam unvermittelt: „Sind Sie länger hier oder nur auf Besuch?“ Archibald beobachtete die Alten. Er zuckte die Schultern. „Vielleicht ein, zwei Monate.“ Ein Blick. „Wenn ich hier nicht trainieren kann, muss ich mir ein anderes Bad suchen.“ Die Gedanken des Bademeisters rasten. Archibald Sommer würde Wochen, vielleicht Monate trainieren, in seinem Bad. Die Lokalpresse würde darüber berichten wollen. Sicherlich würden sie auch ihn, den Schlüsselwächter des Bades befragen. Sein Bild in der Zeitung, seitenfüllend. Er würde erzählen, wie er Archibald einst zurechtgewiesen hatte, mit Augenzwinkern natürlich, ein gelungener Scherz auf den hin der junge Mann ihm den Arm um die Schultern legen würde. Ihm, seinem ehemaligen Bademeister, unter dessen Obhut er nun Tag für Tag an seiner Form arbeitete. „Man sollte sie ersäufen.“ Der Bademeister blickte auf, herausgerissen aus Tagträumen, süß und betörend. „Bitte?“ Archibald sah auf die Leiber im Wasser, seine Stimme weich, fließend. „Du schwimmst, kommst in den Rhythmus, tauchst auf und unter, du verbindest dich, wirst ganz ruhig. Es ist wie Musik.“ Sein Blick schwebte in der Ferne, schnellte dann zurück. „Und plötzlich so ein halbtoter Greis vor dir. Du siehst die dürren Beine, diese Haut, die so herunterhängt. Und du kommst nicht vorbei, denn sie sind in Rudeln unterwegs. Sie halten dich auf und weichen keinen Zentimeter. Und du weißt, deine Zeit ist zerstört, du kannst sie nicht mehr einholen, der Tag ist gelaufen.“ Er schwieg einen Moment. Leise dann: „Früher dachte ich oft, ich zieh die einfach runter. Von hinten. Sie würden sich wehren, zappeln, aber dann wäre Ruhe und das Wasser würde denjenigen gehören, die das Element zu beherrschen wissen.“ Er schwieg. Der Bademeister sah ihn an. Archibald Sommer, dessen Bild in den großen Zeitungen war, der im Fernsehen sprach und auf Benefiz-Veranstaltungen Reden hielt, er, dieser Weltstar hatte ihn ins Vertrauen gezogen. Er betrachtete die Alten, nannte im Stillen ihre Namen, eine vorausgeschickte Bitte um Vergebung. Denn er musste das Vertrauen des Jüngeren erwidern, sich ihm ebenbürtig zeigen. „Manchmal stelle ich mir vor, ich hetze Ajax auf sie.“ Er lachte auf. Der Ton klang unecht von den Wänden wider. Archibald musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen. „Den Hund gibt es noch? Mann hatte ich Angst vor dem.“ Er wollte sich entschuldigen, doch ein Grinsen fuhr über das Gesicht des Anderen.  „Krasses Vieh.“ Er lächelte zurück. Das war sie, die Veränderung im Geiste. Ein Wachsen nicht durch Körpergröße, doch durch Anerkennung. „Ich hole eben das Absperrband.“ 

Die Alten sahen ungläubig zu, wie er das Band am Seitenrand befestigte. Er registrierte ihr Kopfschütteln, die geflüsterten Worte. Frau Schuster verschluckte sich. Vom Husten geschüttelt klammerte sie sich am Seitenrand fest.  Als er das Seil mit den weiß-roten Schwimmern tatsächlich spannte und so Herrn und Frau Petermann dazu zwang, ihre Stammbahnen zu verlassen, schwollen die Stimmen an. Mühsam erklomm der kleine Herr Merkl die Schwimmbadleiter. Heute war er tatsächlich zum Schwimmen gekommen und nicht wie sonst oft, um die Dusche zu nutzen. Er baute sich vor ihm auf, in dem Versuch, die fehlenden Zentimeter mit wutschnaubender Empörung wett zu machen. „Haben Sie mal auf die Uhr geschaut?“ Er reagierte nicht. Herr Merkl zielte mit dem kurzen Finger in Richtung Schwimmbaduhr. „Noch fast zwanzig Minuten.“ Wieder blieb er stumm. Die Enttäuschung des alten Mannes war schlimmer als dessen Zorn. Sie hatten einen ungeschriebenen Vertrag. Einen Vertrag, den er nun einseitig aufgekündigt hatte. „Sechzehn Minuten.“ Sein Flehen war nicht zu überhören. 

„Wissen Sie, wer das ist?“ Er deutete zu Archibald, der am Beckenrand stand und seine Muskeln zur Aufwärmung dehnte. Herr Merkl sah nicht hin. „Ich kann mich auch beschweren.“ Seine Stimme wurde zunehmend schrill. Der Bademeister blickte auf, das halb-befestigte Band noch immer in der Hand. „Ich gebe Ihnen den Eintritt zurück.“ Er wusste, dass Herr Merkl wenig Geld hatte. Der kleine Mann überlegte. Dann ein Nicken. „Ich sage es den Anderen.“ 

Zwölf Euro. An sich nicht der Rede wert, aber in der Summe der Tage nicht unerheblich. Natürlichkonnte er das nicht aus eigener Tasche zahlen. Immerhin tat es dem Bad gut, allein die Werbung. Er machte das ja nicht für sich. Er winkte sie durch und stockte das fehlende Geld auf, aus den über die Jahre gefundenen Portemonnaies und den Einnahmen der Schwimmkurse. Er verwaltete das Geld. Sie vertrauten ihm. 

Die Alten waren zufrieden, sie schwammen kostenlos und kamen nun früher –zum Verdruss der Mütter. Das fragile Gleichgewicht, über Jahre aufgebaut, geriet ins Wanken. Der Bademeister aber hatte nur Augen für Archibald. Die Statuen waren toter Stein gegen ihn, fast ordinär in ihrer marmornen Blöße, im Vergleich zu dem jungen Mann, der unter ihren Augen die Tür zu den Duschen durchschritt. Dem Bademeister kam es vor, als hätte er selbst ihn erschaffen, durch seinen Einfluss dessen Bewegung beflügelt, ja sie geradezu erst ermöglicht. Ohne dieses Bad, ohne ihn, den Wächter, der das Tor aufstieß, hätte der Andere womöglich niemals schwimmen gelernt, niemals herausgefunden, dass es seine Bestimmung war, die träge Erdverbundenheit aufzulösen und im weichen Blau zu schweben. War es dafür nicht wert, die Verärgerung der übrigen Gäste zu riskieren? War dieser Schulterschluss mit Archibald nicht sein eigentlicher Daseinszweck, diese Begegnung, man könnte fast sagen: Freundschaft, nicht das Abenteuer, auf das er immer schon gewartet hatte? 

Die örtliche Zeitung kam und er wurde abgebildet. Nicht bildfüllend, das war immer noch Archibalds Show, doch er war zu sehen, wie er in der Tür des Bades stand. Das Lächeln vielleicht nicht ganz so weltmännisch, wie er es sich gewünscht hätte, aber doch: In der Zeitung. Die Leute sprachen ihn darauf an, seine Mutter nagelte das Bild neben das Kruzifix, wo der am Kreuz Hängende es mit schmerzerfülltem Blick betrachtete. Neugierige kamen. Sie fragten ihn aus über den berühmten jungen Mann und er erzählte. Dass in der Bildunterschrift sein Name nicht richtig geschrieben war – es gab Schlimmeres.

Als Archibald befreundete Schwimmer mitbrachte und fragte, höflich fragte, ob für sie nicht weitere Bahnen abgesperrt werden konnten – wie hätte er nein sagen können? Er hieß die Alten noch früher zu kommen und ertrug die Beschwerden stoisch, auch wenn sie schmerzten. Sie schwammen nun zwischen den Müttern, nur die Sturen blieben und mischten sich unter die kräftigen jungen Männer. Bis Archibald ihm schilderte, welche Pein diese Menschen für ihn bedeuteten. Wie sie mit ihrem Gerede unter der Dusche seine Konzentration zunichtemachten, wie sie ihn anwiderten mit ihren schrundigen Zehen, und dem Geruch nach Krankheit.Er bat inständig darum, das Bad von seinem Kommen bis zu seiner Abfahrt exklusiv für ihn und seine Freunde zu halten. Wenn er so trainieren könnte, würde er seinen Presseagenten davon überzeugen können, eine große Story zu machen – möglicherweise sogar im Fernsehen. 

Das Fernsehen. Sicheres Ende der Zwergenexistenz. Ohne Zweifel würden sie ihn aufnehmen müssen in den Kreis der spielentscheidenden Helden-Figuren. Er schloss das Bad täglich für vier Stunden und zahlte die enttäuschten Gäste für ihr Schweigen. Die Portemonnaies waren längst geleert, das Geld der Schwimmkurse verbraucht. Er wusste, wo seine Mutter die Unterlagen für ihr Sparkonto aufbewahrte. 

Womit er nicht gerechnet hatte war, dass die Alten sich zur Wehr setzten. Die Schließung des Bades in ihrer Zeit war für sie, die bereits so viele Verluste hatten hinnehmen müssen, eine Demütigung zu viel. Zornbebend standen sie vor dem Bad, sie klopften an die Fenster und Herrn Merkl gelang es gar, unter der Absperrung hindurch zu schlüpfen, um sich wie gehabt zu duschen, den Schwimmern seinen abgemagerten Körper darbietend. Er versprach Archibald, sich zu kümmern und bat Herrn Merkl zum Gespräch. Er wollte das klären, von Mann zu Mann. Herr Merkl wollte nicht zuhören. Er sprach von Rechten und Ghettoisierung. Dickköpfig marschierte er unter die Dusche. Er dachte, wenn er ihn erschrecken würde, müsse er begreifen, dass er verloren hatte. Wer hätte damit rechnen können, dass Herr Merkl, in der plötzlichen Dunkelheit in Panik geraten würde? Der Krieg war zu lange vorbei, als dass die Erinnerung so schmerzen sollte. Seine Knochen hielten dem Fall nicht Stand. Im Krankenhaus nahm Frau Merkl die Hand des Bademeisters in ihre runzeligen Finger. Sie gab ihm keine Schuld. Er weinte. Danach kamen die Alten nicht mehr. 

 Sie hätten es dabei belassen sollen. Sie hatten ihre Zeit, reichlich Zeit und abgetrennte Bahnen. Aber Archibald kam erneut. Ihn störten die vor ihm badenden Mütter, mit ihrem Parfümgeruch, den schlecht gefärbten Haaren, den unrasierten Bikinizonen. Die zurückgelassenen Zeichen ihrer Existenz verursachten ihm fast körperliche Schmerzen. Der Bademeister hängte Zettel auf mit der Aufforderung, sich nicht zu parfümieren, Körperhaare zu entfernen und in gewissen Zeiten weiblicher Unpässlichkeit das Bad nicht zu besuchen. Es gab keine Proteste. Die Selbstverachtung der Mütter wach zu rufen war einfach. Beschämt befolgten sie die neuen Regeln, die Gespräche verstummten. Eine renitente Dame, die sich gegen diese Kontrolle ihrer persönlichen Freiheit zur Wehr setzen wollte, wurde von den anderen mit Verachtung gestraft, bis sie auf das Schwimmen verzichtete. Der Bademeister hatte die Mütter nie sonderlich gemocht, doch die Akzeptanz jeder Herabwürdigung, ihr stilles Dreinfügen, machte ihn beklommen. 

Wenig später sprach der junge Mann über die Körperfülle einiger Badegäste. Die ausladenden Hüften, widerlich. Nur für den Bruchteil einer Sekunde blieb sein Blick dabei an dem Bauch des Gegenübers hängen. Der Bademeister begann sich zum ersten Mal Sorgen zu machen. Er kaufte ein Diätbuch und wies die Mutter an, daraus zu kochen. Archibald lächelte ihm über die Gemüstesticks hin zu. Sein Agent hatte angerufen. Sie wollten ein Fernsehinterview machen, mit ihm und dem Bademeister. In wenigen Tagen schon. Die Bilder kamen blitzartig, als hätten sie nur darauf gewartet, sein Gehirn zu überfluten. Er würde dastehen, schlank neben dem schönen Archibald. Ein Gleicher unter Gleichen. Das Ersparte der Mutter war fast aufgebraucht. Es war ihm egal. Alles würde anders werden, keiner würde mehr lachen.

Ins Schwimmbad kamen nur mehr die Jungen, Schlanken, wohl Proportionierten. Sein einfaches Bad war zu einer Art Laufsteg geworden, er selbst endgültig zum Torwächter. Er hob den Daumen oder senkte ihn, um Zugang zu gewähren oder zu verweigern. Beim Rollenspiel verlangte er vom Spielführer eine Anerkennung des neuen Status’. Der sah ihn an. „Ein Zwerg“, sagte er herablassend, „bleibt stets ein Zwerg.“ Er wusste, er würde triumphieren am Ende. Still gewartet, der Zwerg, in dem sich ein König verbarg. Was war es, das einen Mann zum König machte? Das Herz eines Königs? War die Katze mit dem Löwenherzen ein Löwe? Er fühlte, dass seine Hose lockerer saß. 

An diesem Tag sperrte der Bademeister, der niemals einen Tag krankgemacht hatte, das Bad zu, sobald die Schwimmer sich verabschiedet hatten. Zuhause saß seine Mutter und weinte. „Wo ist das Geld?“ Immer wieder, nur dieser eine Satz. Ihre Verzweiflung schlug Wellen. Er wich ihrem Blick aus. Sie musste seine Sachen bügeln, ihm die Haare schneiden. Er versprach: Das Geld würde zurückkommen. Ihr Sohn im Fernsehen, na, wäre das nichts? Sie sah ihn an. Er wusste, es war das Geld des Vaters, das Ersparte, für das er im Emaillewerk seine Lunge drangegeben hatte. Er kannte die Geschichte und wollte sie nicht mehr hören. 

In seinem Zimmer warf er die Zwergen-Figur in den Müll. 

Des Vaters alte Krawatte saß ungewohnt und eng an seinem breiten Hals. Die Hose hatte eine Bügelfalte, die Haare waren frisch rasiert. Ajax’ Fell glänzte neben ihm.

Er hätte es ahnen müssen. Natürlich hätte er das. 

Die Tür des Bades war verschlossen. Ein pickliger Junge saß in der offenen Seitentür eines Transporters mit Aufschrift des Fernsehsenders. Er sah kurz auf, dann zurück auf sein Handy. „Die filmen.“ Der Bademeister lachte, als könne das Negieren die Gewissheit zurückdrängen, die seine Synapsen durchfloss und als dickflüssiger, übelriechender Schweiß aus seinen Poren trat, der Flecken auf dem neuen Polyesterhemd hinterließ. Ein Missverständnis, nicht mehr. „Natürlich filmen die, aber nicht ohne mich.“ Er mühte sich, die gesammelte Autorität des Torwächters in den kurzen Satz zu legen. „Ich bin der Bademeister.“ Der Junge zögerte. Betont langsam zückte er sein Walkie-Talkie, sprach hinein, wobei er ihm den Rücken zuwandte. Der Bademeister zog an der Krawatte, die ihm den Hals zuschnürte. Der Junge drehte sich zurück. „Die haben schon einen Bademeister.“ Er schnappte nach Luft. „Woher?“ Die Stimme ein Krächzen. Der Junge zuckte die Schultern. 

Er floh, wobei seine Hand an der Krawatte zerrte. Der Hund folgte ihm. 

Am nächsten Tag stand er wie immer in seinem Bad. Archibald lächelte, als er ihn sah. „Das nächste Mal“, sagte er, wobei er ihm die Hand auf die Schulter legte. Als der Bademeister weiter schwieg, wurde sein Ton vertraulich, ja tröstend. „Es war nur das Fernsehen. Ein kleines Interview, davon gibt es Tausende.“ Er hielt ihm die Hand hin. Der Bademeister ergriff sie. Sie war warm und stark. Archibald lockerte den Griff. „Mit der neuen Frisur“, sagte er „siehst du ein bisschen aus wie ein Zwerg.“ Er lief in Richtung der Duschen, vorbei an den Verbotsschildern. Seine Muskeln spielten, die Haut glänzte. Die schlanke Silhouette schob sich zwischen den steinernen Körpern hindurch. Ebenmäßig wie sie, selbst schon Geschichte, in Stein gemeißelt für die Ewigkeit. 

Alles war still. Das Becken lag unberührt, als wäre die Wasseroberfläche niemals durchbrochen worden. Das rot-weiße Absperrband wogte sacht auf und nieder. 

Aus der Dusche drang Dampf, der das Gelächter der Sportler mit sich trug. 

Er lockerte die Krawatte. Dann lief er, um Ajax zu holen. Er würde es ihnen beweisen, ihnen allen, zu was er im Stande war. Der Zwerg mit dem Höllenhund. Es wäre vorbei, ein für alle Mal, mit der Jugend, der Schönheit, der Perfektion. Er würde das Gleichgewicht wiederherstellen. Er, der Torwächter, würde bestimmen. 

Der Hund zog die Lefzen zurück, als ahnte er, was geschehen würde. Er hielt die Schnauze in die Luft, sein Körper zuckte, bereit für die Jagd. Sie standen eine Weile, atmeten den Dampf, der Hund zurückgehalten von dem Befehl, der kommen musste, es war nur eine Frage der Zeit. 

Die Tür zur Dusche öffnete sich, die jungen Männer entstiegen dem Dampf. Archibald sah auf ihn, dann auf den Hund. Verstehen flammte in seinen Augen. Der Bademeister erwiderte den Blick, bis die Männer an ihm vorbeigelaufen waren. Ajax knurrte. Er sagte „still“ und das Geräusch verebbte.

Warum er es nicht getan hatte? Er konnte es nicht sagen. Doch am Ende brauchte es schlicht einen, der sich entschied, es nicht zu tun. In den Augen der jungen Männer, die sich gegenseitig anstießen, lachend, und bellende Geräusche nachahmten, war er geschlagen. In Wahrheit aber wurde er in diesem Moment, mit dem zähnefletschenden Hund an seiner Seite, zum Menschen. 

Er blickte empor zu den Marmorstatuen. Und für einen Augenblick, er hätte es schwören können, bewegten sich die Augenpaare. 

Sie sahen ihn an.