Empörung

Was kommt nach der Empörung? Wenn das Gegenüber egal ist: Nichts.

Sofern wir aber gesellschaftlich wie persönlich wachsen wollen, ist der nächste Schritt, die Verantwortung für unsere Gefühle zu übernehmen. Denn jede Abgrenzung – so legitim sie in der Sache sein mag – bedeutet auch: Trennung.

Corona, dieser große Highlighter, beleuchtet nun ja deutlicher denn je, wie viel Spaltung und Unverständnis gerade in der Welt herrscht. Wenn ich der Trennung, die ich erlebe, durch meine Reaktion noch mehr Trennung hinzufüge, bin ich nicht nur Teil des Problems – ich befeuere es noch zusätzlich.

Was wir aber alle (unter anderem) suchen ist: Verbindung.

Echte Verbindung erfordert Begegnung. Und zwar zuallererst mit uns selbst.

Ein Weg dafür ist offen sein, neugierig. Was an der Haltung / dem Thema berührt mich so stark? Und warum? Was spiegelt mir das Gegenüber? Wo liegen meine Schatten, die Anteile, die ich nicht sehen kann oder will? Was liegt hinter der ersten Reaktion? Und was dahinter? (Spoiler: Hinter der Empörung und der Wut liegt irgendwann immer die Angst. Und hinter der Angst die Liebe. As simple as that.)

Damit erstmal sein, am besten unter Bäumen.

Und dann erst, aus der Klärung, in Kontakt treten. Und zwar – sofern ich echte Verbindung suche – ohne Urteil.

Fragen: Wie erlebst du die Welt? Und warum? Was ist deine Sorge?

Und danach zuhören. Ohne etwas dazu sagen zu müssen. Ohne Recht haben zu wollen. Ohne auf den Einsatz für eine eigene Erwiderung zu warten.

Und mich am Ende bedanken.

(Der andere Weg ist: Atmen. Das Gefühl da sein lassen. Es freundlich-interessiert betrachten. Es ziehen lassen. Klingt einfacher. Ist es auch. Wirkt trotzdem.)

Das bedeutet nicht, nichts zu tun oder die Haltung oder Handlung des Gegenübers gut zu heißen. Es bedeutet: Klar zu meinen Werten zu stehen und dennoch offen zu bleiben. Nicht aus einer impulsiven Erst-Reaktion heraus zu agieren. Den Menschen nicht abzuwerten, auch wenn ich was er/sie tut oder sagt ablehne.

Sollen wir also weiter aufstehen und uns klar positionieren, wenn wir völkisch-nationalistische, rassistische oder sexistische Äußerungen hören? Wenn ein Gesetzesentwurf droht, unsere Grundrechte entscheidend zu beschneiden? Wenn unterschieden wird in system-relevant und irrelevant und ganze Berufszweige um ihre Existenz bangen? Wenn die Kriminalpolizei Solo-Selbständigen, die sich um Unterstützung bemüht haben, weil ihnen alle Einkommensquellen weggebrochen sind, mit einer Klage auf Subventionsbetrug droht, während andernorts Millionenbeträge ausgeschüttet werden? Wenn Frauen und Kinder immer mehr unter häuslicher Gewalt leiden? Wenn alte Menschen isoliert werden und alleine sterben müssen, weil es keine besseren Ideen gibt (oder diesen kein Gehör geschenkt wird)? Wenn Regenwälder abgeholzt werden? Wenn wir Zeugen werden von Hass, Gewalt und Leid?

NATÜRLICH!

Aber – und das macht den Unterschied – von einem komplett anderen Ort aus. Denn worum geht es eigentlich? Dir, mir, uns allen. Worauf können wir uns einigen? In was für einer Gemeinschaft wollen wir leben?

Soll Angst unser Leitstern sein? Oder Friede, Freiheit, Freude, Mut, Toleranz?

Wir brauchen gerade nicht noch mehr Meinung und Schlagabtausch. Wir brauchen Menschen, die es wagen, mit den Wogen der Aufruhr im Innen und Außen still zu werden. (Stille muss dabei nicht heißen: Sitzen und schweigen. Still werden kann auch bedeuten, in die Natur zu gehen. Zu tanzen. Über den Körper in die Präsenz zu kommen. …)

Daraus kann dann der nächste Schritt entstehen, indem wir klar in unseren Werten und unserer Absicht für eine positive Vision der Welt einstehen.

Mega herausfordernd.

Aber wir sind ja nicht alleine.

Ich glaube es lohnt sich.