Revolution

Wir alle streben ja (unter anderem) nach: Verbindung, Wirksamkeit, Freiheit und Sicherheit. Diese Dinge bedeuten für jeden von uns etwas anderes. Das kann uns trennen – oder bereichern.

Was dabei hilft: Offenheit, Respekt, Mitgefühl.

Was nicht hilft: Urteil, Abwertung, Trennung.

In einer Demokratie ist es wichtig, dass jeder seine Meinung äußern kann und auch gehört wird. Wenn uns die Meinung eines anderen nicht passt, können wir uns natürlich darüber lustig machen oder laut poltern. Oder wir fragen erstmal nach, hören zu (und zwar wirklich) und gehen in den Diskurs. Das wird uns möglicherweise mit eigenen blinden Flecken und Glaubenssätzen konfrontieren oder felsenfesten Meinungen zumindest eine andere Sichtweise an die Seite stellen. Unbequemer. Mühsamer. Aber im Zweifelsfall sehr viel wirksamer.

Gibt es dabei Polemiker und Extremisten? Keine Frage. Und selbstverständlich gilt es immer, sich gegen Menschenverachtung, Gewalt oder Allmachtsphantasien deutlich abzugrenzen. Leute allerdings pauschal als verblendete Spinner abzutun oder sie in eine rechte Ecke zu stellen, fühlt sich vielleicht gut an (tut „Rechthaben“ ja immer erstmal), ist aber einer demokratischen Debattenkultur wenig zuträglich.

Ein Impfkritiker ist nicht automatisch ein Impfgegner. Genaues Hinterfragen nicht gleich Verschwörungstheorie. Wer vom Regierungskurs in Punkten abweicht nicht sofort ein Systemgefährder oder Nazi. Wer der Wissenschaft vertraut nicht direkt ein braves, eingeschläfertes „Schaf“ ohne eigene Meinung.

Diese ganze Geschichte hat auf vielen Ebenen das Potential, eine echte Veränderung zu bewirken, neben all dem Leid, der Sorge und der Unsicherheit, die natürlich da sind und real. Jetzt aber, in einer Zeit, in der die gesamte Welt in einem Thema vereint ist (mit all den Abweichungen, die Herkunft, Lebensort und sozialer Status mit sich bringen) und in einem Land mit vielen Möglichkeiten (neben all den persönlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen), unsere kreative Energie, Zeit und unser Wissen dafür zu nutzen, uns gegenseitig zu beschimpfen und Recht haben zu wollen, das ist – zumindest in meinen Augen – eine absolute Vergeudung von Lebenszeit und Möglichkeiten.

Die Krise zeigt in vielen Bereichen deutlicher denn je, wo es „hakt“. Die häusliche Gewalt steigt an. Ist wirklich die einzige Lösung, möglichst schnell dafür zu sorgen, dass die Kinder wieder von ihren Eltern und Frauen von ihren Ehemännern getrennt werden können? Oder liegt das Problem vielleicht tiefer – ebenso wie die Lösung?

In einigen großen Schlachthöfen gibt es besonders viele Corona-Fälle, weil die – meist ausländischen – Arbeiter in unzumutbaren Massenunterkünften leben. Ist ein Impfstoff hier tatsächlich der einzig logische Ansatz?

Die tatsächlich systemrelevanten Berufe werden zwar beklatscht, aber noch immer nicht besser bezahlt. Gibt es ausgerechnet dafür wirklich kein Geld?

Und viel Hinterfragenswertes mehr.

Aber wir sehen auch, was plötzlich möglich ist: Sauberes Wasser, klare Luft, weniger Konsum, gemeinsame Sorge für die älteren Mitmenschen und auch hier: Vieles mehr.

Es gibt immer Dinge, die uns trennen. Und solche, die uns vereinen. Darauf den Fokus zu lenken und für die Veränderung, die wir uns wünschen erstmal bei uns selbst anzufangen, das wäre mal eine echte Revolution.